Weltbürgerkrieg

Aus Staatspolitisches Handbuch im Netz
Wechseln zu: Navigation, Suche

Weltbürgerkrieg ist ein Begriff, der zuerst während des Ersten Weltkriegs und dann in wachsender Häufung während der Zwischenkriegszeit auftrat. Gemeint ist damit zweierlei:

  1. Die Welt ist durch die Verkehrs- und Kommunikationsmöglichkeiten zu einer (potentiellen) Einheit (Universalismus) geworden, so daß Staatenkriege als Anachronismus zu werten sind und es sich im Grunde schon um Kriege zwischen Angehörigen derselben sozialen Gemeinschaft - also Bürgerkriege - handelt;
  2. die fortbestehenden Staaten sind sich aufgrund dieser Lage der Loyalität ihrer Bürger nicht mehr sicher, weil es in jedem Staat Weltbürgerkriegsparteien gibt, deren Anhänger die Treue zu dieser Partei über die zu ihrem angestammten Vaterland stellen.

»Wir bezeichnen diesen Vorgang - Gottfried Keller hat ihn einmal »die Geschichte selbst« genannt - als den europäischen Bürgerkrieg, der 1789 offen ausbricht, der in immer neuen Konvulsionen - 1809, 1848, 1870/71, 1914 sind die großen Etappen - das Geschehen beherrscht und der sich seit 1917, mit der Rückkehr der USA aus der Isolation und der Bolschewistischen Oktober-Revolution, in zunehmendem Maße in einen globalen Bürgerkrieg, in den Weltbürgerkrieg der Gegenwart verwandelt.«

Hanno Kesting

Es ist dabei zu beachten, daß sich diese Situation der Tendenz nach schon mit der Französischen Revolution und dem von ihr geschürten Sendungsbewußtsein eingestellt hatte, das in allen europäischen und teilweise auch in außereuropäischen Ländern revolutionäre und gegenrevolutionäre Fraktionen hatte entstehen lassen. Eine Entwicklung, die von der Linken bewußt gefördert wurde, in der Annahme, daß eine Weltrevolution bevorstehe, die der eigenen Seite zwangsläufig den Sieg bringen werde.

Diese Lage veränderte sich infolge des Ersten Weltkriegs, weil durch den Kriegseintritt der USA und den Erfolg des bolschewistischen Umsturzes eine neue Situation entstand, insofern als nach der Niederlage der Mittelmächte nun zwei aus den Ideologien der Französischen Revolution hervorgegangene Bewegungen als Konkurrenten um die globale Durchsetzung einer idealen politischen Ordnung auftraten.

Das Scheitern der weltrevolutionären Konzepte Wilsons wie Lenins in der Nachkriegszeit ließ die Vorstellung entstehen, daß es möglich sein könnte, eine dritte Position zwischen den Blöcken zu beziehen (Dritter Weg). Entsprechende Ideen bewegten die Konservative Revolution ebenso wie den Faschismus und den Nationalsozialismus. Es zeigte sich allerdings im Verlauf des Zweiten Weltkriegs das Fehlen jeder tragfähigen Basis für eine entsprechende Frontbildung.

»Entscheidend auf dem Weg vom nationalen zum internationalen Bürgerkrieg war für Europa ... das Jahr 1917. Es brachte aus dem Westen die Wiederkehr der amerikanischen Auswanderer in Form einer kriegführenden Macht als mitbestimmendem Faktor, im Osten Europas aber die russische Revolution.«

Stattdessen schien mit dem Beginn des Kalten Krieges der Weltbürgerkrieg als »globaler Ausnahmezustand« (Serge Maiwald) zum Normalzustand zu werden und jeden Staat und jedes Individuum zur Parteinahme für eines der beiden Lager - das der USA oder das der Sowjetunion - zu zwingen. Wer damit rechnete, daß das Ende dieser Konstellation nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems auch das »Ende 160 der Geschichte« (Francis Fukuyama) und damit die definitive globale Durchsetzung eines Modells - hier: -»Demokratie Parlamentarismus und Marktwirtschaft - bedeuten werde, sah sich allerdings enttäuscht, denn der »Endsieg des Westens« (Peter Glotz) hatte längst neue Gegner auf den Plan gerufen, etwa den islamischen Fundamentalismus, und die faktische Schwächung der USA ließ eine monopolare Ordnung auf Dauer nicht zu, förderte vielmehr die Entstehung eines Pluriversums in der »postamerikanischen Welt« (Fareed Zakaria).

Literatur

  • Margret Boveri: Der Verrat im XX. Jahrhundert, Bd I: Das sichtbare Geschehen, rowohlts deutsche enzyklopädie, Bd 23, Hamburg 1956
  • Erwin Hölzle: Geschichte der zweigeteilten Welt, rowohlts deutsche enzyklopädie, Bd 135, Reinbek bei Hamburg 1961
  • Hanno Kesting: Geschichtsphilosophie und Weltbürgerkrieg, Heidelberg 1959
  • Ernst Nolte: Der europäische Bürgerkrieg [1987], zuletzt München 2000
  • Samuel Huntington: Kampf der Kulturen [1996], zuletzt Hamburg 2007