Vaterland

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Vaterland ist, wie das Wort schon sagt, das »Land der Väter«, also das Gebiet, in dem die Vorfahren lebten und in dem die Nachfahren weiterleben wollen. Der eigentliche Verpflichtungscharakter des Vaterland, die Forderung nach Vaterlandsliebe vor allem, resultiert ursprünglich aber aus der Tatsache, daß mit der Seßhaftigkeit jenes Territorium an Bedeutung gewann, in dem sich die Gräber der Vorfahren befanden, die zu erhalten waren und an denen man die vorgeschriebenen Kulthandlungen vollziehen mußte. Dadurch knüpfte man eine weit über das Heimatgefühl hinausgehende emotionale Verpflichtung an das Vaterland, was hinreichend erklärt, warum schon in der Antike die Verteidigung und Bewahrung des Vaterland außerordentliches Ansehen genoß.

»Die Vaterländer werden immer von den Bettlern verteidigt und von den Reichen verraten.«

Charles Péguy

Dabei blieb es auch im Mittelalter, das aus der römischen Tradition den Begriff der patria für Vaterland übernahm. Allerdings blieb die Vorstellung unscharf und trat relativ weit in den Hintergrund gegenüber primär personalen Bindungen. Erst am Beginn der Neuzeit (Moderne) – in den oberitalienischen Städten, aber auch in Burgund – läßt sich ein Wiederaufleben der älteren Vaterlandsidee und damit verbunden die Forderung nach Patriotismus beziehungsweise einer Erziehung zum Patriotismus feststellen. Ein Sachverhalt, der beispielsweise in den Schriften Machiavellis deutlich hervortritt, womit schon angedeutet ist, daß der neue Aufstieg des Begriffs mit der Entstehung des modernen Staates, aber auch mit der des Nationalismus und der Demokratie verbunden war.

Die zum Teil sehr kleinen, jedenfalls politisch keinesfalls überlebensfähigen Vaterländer verschwanden in einem langwierigen, von Rückschlägen gekennzeichneten Prozeß. Erst im 18. Jahrhundert waren jene modernen Flächenstaaten weitgehend durchgesetzt, an die sich dauerhaft die Vorstellung einer patria knüpfen ließ. Mit der Französischen Revolution wurde dann die Nation zum gewöhnlichen Bezugspunkt des Patriotismus, während alle anderen Vaterländer ihre Funktion einbüßten. Es ist insofern abwegig, Patriotismus als eine gemäßigte Variante des Nationalismus zu deuten, denn in der Moderne ist das Vaterland normalerweise die Nation, was bedeutet, daß jede Gemütsregung zu seinen Gunsten bei einiger Intensität als Nationalismus zu verstehen ist.

»Ich habe versucht, in meinen Kindern Werte einzupflanzen, die viele als unmodern bezeichnen, vor allem die Liebe zum Vaterland. Ich bete darum, daß sie niemals ihre Hand erheben müssen, um es zu verteidigen, aber ich will, daß sie einen tiefen Respekt in sich nähren für die, die es taten.«

John Wayne

Bezeichnend ist auch, daß sich die radikale Infragestellung des Vaterlandsgedankens nie hat durchhalten lassen. Marx’ Diktum »Der Proletarier hat kein Vaterland« wurde nach dem Erfolg der bolschewistischen Revolution rasch umgemünzt in die Idee der Sowjetunion als »Vaterland aller Werktätigen« und die Forderung nach einem spezifischen Sowjet-Patriotismus, der sich in seinen wesentlichen Zügen nicht von anderen Nationalismen unterschied.

Ein ähnliches Scheitern kann man auch im Fall des neuen Weltbürgertums feststellen, das unter Berufung auf die Globalisierung das Ende aller Vaterländer verkündete, sich aber angesichts schwindenden Zusammenhalts rasch darauf besinnt, einen »weltoffenen«, »zivilgesellschaftlichen«, »aufgeklärten« Patriotismus zu propagieren, da in einer modernen Gesellschaft die Notwendigkeit unbestreitbar ist, das Loyalitätsempfinden der vielen einzelnen gegenüber dem größeren Ganzen aktiv zu unterstützen.

Literatur

  • Eugen Lemberg: Nationalismus, 2 Bde, Reinbek bei Hamburg 1967/68;
  • Kurt Hübner: Das Nationale, Graz 1991;
  • Michael Jeismann; Henning Ritter: Grenzfälle. Über neuen und alten Nationalismus, Leipzig 1993;
  • Karlheinz Weißmann: Nation?, Bad Vilbel 2001.