Biopolitik

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Biopolitik ist – entgegen der heute gängigen Theorie von Michel Foucault und, in seiner Folge, Giorgio Agamben – nichts, was erst mit dem Auftreten des modernen Staates zustande kam. Biopolitik hat es seit jeher gegeben. Dafür spricht schon die von der Soziobiologie plausibel gemachte Bedeutung aller natürlichen Strategien zur Kontrolle der Fortpflanzung. Auch wenn man damit nur Vorformen von Biopolitik im Sinn einer auf Lebenssicherung orientierten Strategie erklären kann, bleibt doch die Tatsache, daß Anthropologie (Menschenbild) wie Ethnologie erhärtet haben, daß es keine Phase der menschlichen Entwicklung gegeben hat, in der nicht politische mit »Bio-Macht« einherging.

»Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts beginnt sich … die soziale Differenzierung der Fruchtbarkeit umzukehren: Die Kinderzahlen werden um so niedriger, je höher der soziale Rang oder das Einkommen einer Gesellschaftsklasse. Da aber sozialer Rang und Intelligenz gerade in mobilen Gesellschaften in Beziehung zueinander stehen, sind es nunmehr die weniger Intelligenten, die sich stärker vermehren.«

Ilse Schwidetzky

Wie in der Gegenwart ging es auch in der Vergangenheit wesentlich um drei Aspekte:

  1. Fortpflanzung, das heißt Klärung der Frage, unter welchen Umständen die Geburt eines Kindes erwünscht, hinnehmbar oder unerwünscht sei, weiter Maßnahmen zur Verhinderung von Schwangerschaften beziehungsweise zur Abtötung im Mutterleib oder nach der Geburt;
  2. Krankheit, das heißt Bestimmung, wem welche Hilfe zwecks Gesundung zugestanden wird, wer zur Betreuung verpflichtet werden kann, welcher Aufwand insgesamt als annehmbar gilt, welcher nicht;
  3. Alter, das heißt Festlegung des damit einhergehenden Status, unter Berücksichtigung der schwindenden Selbständigkeit und Lebenskraft, mit der häufig eine enge Berührung zu 2. gegeben ist.

Daß Entscheidungen auf den drei genannten Feldern dem einzelnen überlassen wurden, war die Ausnahme. Die Regel bildeten mehr oder weniger scharfe Vorgaben der Gemeinschaft, im allgemeinen religiös sanktioniert und gesetzlich gefaßt. In bezug auf die Fortpflanzung ergab sich das zwingend, weil der immer heikle Bereich des Geschlechtlichen hineinspielte und das Interesse der politischen Einheit an ihrer Dauer unter allen Umständen durchgesetzt werden sollte. Daher rührt die Bedeutung restriktiver Maßnahmen zur Unterbindung außer- oder vorehelicher Sexualität, weiter die Rolle der offenbar seit alters bekannten und angewandten Kontrazeptiva sowie Verfahren zur Selektion des Nachwuchses mittels Kindesaussetzung oder -tötung. Davon waren neben Mädchen häufig auch Knaben betroffen, die mit einer Behinderung zur Welt kamen. Damit ist ein zweiter Aspekt berührt: Zwar gibt es einige Indizien, die dafür sprechen, daß schon der Neandertaler schwerbehinderte Kinder aufzog, pflegte und in die Gruppe eingliederte, andererseits ist die Übung, Neugeborene mit körperlichen oder geistigen Gebrechen sofort zu töten, eine bis in die Gegenwart auch in Europa geübte Praxis gewesen. Dahinter stand ohne Zweifel der Wunsch, »unnütze Esser« zu vermeiden. Dieses Motiv spielte auch in der Behandlung der Alten eine Rolle, wenn diese bei vorgerückten Jahren weder zur Fortpflanzung noch zur Ernährung noch zum Schutz (Krieg) der Gemeinschaft beitragen konnten. Neben die Berichte der Völkerkunde und der Historiographie über die Ehrung des Alters in der Vergangenheit muß man die Informationen zu Altentötung und erzwungenem Selbstmord stellen, die offenbar in vielen archaischen Verbänden üblich waren.

Selbstverständlich blieben deren Kontrollmöglichkeiten begrenzt, aber im Fall einer antiken Polis wie Sparta waren sie doch so effektiv, daß die rigide B., die sich auf die Geburten bezog und von Staats wegen über Leben oder Tod eines Neugeborenen entschied, ausgesprochen wirksam gewesen sein muß. An dem spartanischen Modell haben sich viele spätere Modelle orientiert, die einen vollständigen biopolitischen Zugriff des Staates erreichen wollten. Ein Ziel, dem man – trotz älterer Züchtungsphantasien – erst in der Neuzeit näher kam.

Allerdings blieben auch die »Peuplierungen« des Absolutismus noch in einem traditionellen Rahmen, wenngleich die Statistik eine erste systematische, quantitative Erfassung der Bevölkerung erlaubte. Eine deutliche Akzentverschiebung ergab sich erst mit den Anfang des 19. Jahrhunderts geführten biopolitischen Debatten. Sie waren von einem ausgesprochenen Pessimismus geprägt, der sich hauptsächlich aus der Angst vor Überbevölkerung oder Degeneration speiste. Erst am Ende des Jahrhunderts schienen die Einsichten Darwins und Mendels Handlungschancen in bezug auf eine »Hochzucht« der Menschheit zu eröffnen, unter entsprechender Nutzung der Macht des modernen Staates. Das war die Geburtsstunde der »Eugenik«, der einflußreichsten biopolitischen Konzeption überhaupt.

Grundsätzlich wurde zwischen »positiver« Eugenik, die den gesunden Nachwuchs fördern, und »negativer« Eugenik, die den kranken »ausmerzen« wollte, unterschieden. Die meisten Anhänger – sie reichten von der Linken über die Mitte bis zur Rechten – vertraten allerdings eine Mischung aus beiden Konzepten mit je unterschiedlicher Akzentsetzung. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum trotz Diskreditierung durch den Mißbrauch in der NS-Zeit eugenische Politikkonzepte nach 1945 in den USA, vor allem in Schweden und der Schweiz, aber auch im Ostblock angewendet wurden.

»Wenn die (moralisch-anthropologische) Naturordnung sich nicht mehr selbst garantiert, wenn mit dem Naturhaushalt auch das Naturrecht in die Zone der Krise und damit der Dezision geraten ist, wird buchstäblich alles möglich.«

Die vollständige Ächtung konnte nur durchgesetzt werden, als der Wohlfahrtsstaat eine Phase außerordentlicher Stabilität durchlief, die die Gefahr der Überlastung der sozialen Systeme gebannt zu haben schien. Faktisch wurden biopolitische Fragen aber nur verschoben, nicht etwa erledigt. Man übertrug die Entscheidung über Fortpflanzung, Gesundheitspflege und Altersvorsorge pro forma auf das Individuum, entwickelte aber gleichzeitig eine subtile Propaganda, die deutlich genug machte, was gesellschaftlich erwünscht sei: etwa Kinderlosigkeit zwecks Berufstätigkeit und die Vermeidung von Behindertengeburten, kaschiert als humane Konsequenz »embryopathischer« Diagnose.

Faktisch hat erst die Zeitgleichheit von demographischer Krise und Revolution in der Analyse des menschlichen Erbgutes die Aktualität der Biopolitik wieder erkennbar werden lassen. Allerdings werden die Debatten durch die Vorherrschaft linker Interpretationsmuster, die Verquickung mit anderen Fragen, vor allem aus dem Kontext von Feminismus und Geschlechterpolitik, belastet. Es gibt jedenfalls bis dato keine Klarheit über den Weg, der zwischen einer (illusionären) biopolitischen Selbstbestimmung und einem (totalitären) biopolitischen Durchgriff be­schritten werden könnte.

Literatur

  • Eduard Meyer: Geschichte des Altertums [1884], Bd I/1, zuletzt Essen 1984.
  • Ilse Schwidetzky: Hauptprobleme der Anthropologie, Freiburg i.Br. 1971.
  • Ilse Schwidetzky: Das Menschenbild der Biologie [1959], zuletzt Stuttgart 1997.
  • Rolf Peter Sieferle: Die Krise der menschlichen Natur, Frankfurt a. M. 1989.
  • Karlheinz Weißmann: Der Nationale Sozialismus. Ideologie und Bewegung 1890-1933, München 1998.