Rolf Peter Sieferle

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Sieferle, Rolf Peter,
geb. 5. August 1949 Stuttgart,
gest. 17. September 2016 in Heidelberg.

Sieferle gehört zur Alterskohorte der »Achtundsechziger«, dementsprechend waren seine frühen Veröffentlichungen – insbesondere die bei Immanuel Geiss angefertigte Dissertation über den Revolutionsbegriff bei Marx – von Denkgewohnheiten der Linken geprägt. Daß diese ihm auf die Dauer nicht genügten, war aber bereits zu erkennen, als Sieferle in den achtziger Jahren begann, eine Reihe von Büchern zu veröffentlichen, die sich mit der Geschichte des menschlichen Naturverhältnisses befaßten. Wer vermutete, daß da jemand der »grünen« Mode folgte, sah sich nach der Lektüre rasch korrigiert. Zwar ging es Sieferle auch darum, die vergessenen Vorläufer der modernen Ökologiebewegung, die Maschinenstürmer, Tier- und Heimatschützer (Fortschrittsfeinde?, 1984), wieder sichtbar zu machen. Wichtiger war ihm aber eine präzise Klärung der Art und Weise, in der der Mensch seine Umwelt aufgefaßt hat, wie er seine eigene Fähigkeit zur Naturerkenntnis, Naturbeherrschung und Naturzerstörung einzuschätzen lernte und welche zentrale Bedeutung die wissenschaftliche Interpretation der Natur seit dem 18. Jahrhundert auch für das Selbstbild und Selbstverständnis von Homo sapiens gewann (Die Krise der menschlichen Natur, 1989).

»Am Ende eines jahrtausendealten Spannungsverhältnisses von Markt und Macht könnte … die völlige Absorption der Macht durch den Markt stehen, die Herausbildung eines postpolitischen Zustands, dessen Entwicklung sich allen Zugriffsversuchen seitens außer-ökonomischer Mächte entzieht. Allerdings gibt es dazu auch Gegentendenzen: Noch immer finden sich auch in den Industriegesellschaften nicht-marktförmige ökonomische Strukturen … Es kann daher mit guten Gründen bezweifelt werden, ob sich eine vollständig marktwirtschaftliche Gesellschaft je durchsetzen wird … Sonderlich human wäre eine solche Gesellschaft sicherlich nicht; darüber hinaus fragt es sich aber, ob sie in der Wirklichkeit (das heißt jenseits ökonomischer Modelle) überhaupt funktionstüchtig wäre.«

Konnte man an dieser Stelle schon eine Korrektur früherer Ansichten feststellen, galt das erst recht, als Sieferle unter dem Eindruck der Wende von 1989 ein Buch mit dem Titel Epochenwechsel (1994) veröffentlichte, dessen Argumentation in mancher Hinsicht an Oswald Spenglers Jahre der Entscheidung erinnerte. Sieferle entwickelt hier die These, daß der Zusammenbruch des Kommunismus nicht auf Dauer zur globalen Durchsetzung eines neoliberalen Konzepts unter Dominanz des Westens führen werde, sondern daß ältere Konfliktlinien wieder aufbrechen könnten, ergänzt um neuartige Auseinandersetzungen wirtschaftlicher, aber auch ideologischer bzw. religiöser Natur. Da Epochenwechsel im Ullstein-Verlag unter der Ägide Zitelmanns erschienen war, wurde Sieferle rasch mit der »Neuen Rechten« in Verbindung gebracht, obwohl er immer Distanz hielt und sich an den Auseinandersetzungen der frühen neunziger Jahre nicht beteiligte. Daß der gegen ihn gerichtete Verdacht einen gewissen rationalen Kern hatte, wurde allerdings deutlich an der folgenden Veröffentlichung über fünf bedeutende Vertreter der Konservativen Revolution (1995), wobei der Akzent erkennbar auf den Vordenkern eines »preußischen Sozialismus« lag: Paul Lensch, Werner Sombart, Oswald Spengler, Hans Freyer und Ernst Jünger.

Sieferles Behauptung, man habe es im Fall der KR nicht mit einer »Gegenmoderne «, sondern mit einer »alternativen Moderne « zu tun, löste fast noch heftigere Reaktionen aus als die Veröffentlichung des Epochenwechsels. Infolgedessen hat er sich in der Folgezeit wieder ganz auf die wissenschaftliche Arbeit zurückgezogen und vor allem im Rahmen der Breuninger-Stiftung (Stuttgart) eine ambitionierte Schriftenreihe zum »europäischen Sonderweg« herausgegeben, die versucht, das, was Max Weber das »okzidentale Syndrom« nannte, durch einen besonders breiten Ansatz zu klären.

So bedauerlich man die Entscheidung zum Rückzug aus politischen Gründen finden muß, erlaubte sie Sieferle doch den Abschluß seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Er hatte sich bereits 1984 in Neuerer Geschichte habilitiert und 1991 eine außerplanmäßige Professur für dieses Fach an der Universität Mannheim übernommen. Seit 2000 lehrt er an der Universität St. Gallen, aber erst seit 2005 als ordentlicher Professor für Allgemeine Geschichte.

Schriften

  • Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart, München 1984.
  • Die Krise der menschlichen Natur, Frankfurt a. M. 1989.
  • Epochenwechsel. Die Deutschen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, Berlin 1994.
  • Die konservative Revolution. Fünf biographische Skizzen, Frankfurt a. M. 1995.
  • Das Ende der Fläche, Köln 2006.
  • Karl Marx zur Einführung, Hamburg 2007.
Der Artikel wurde von Karlheinz Weißmann verfaßt.

Das Sterbedatum wurde nachträglich ergänzt (12. Oktober 2017)