Mythos

Aus Staatspolitisches Handbuch im Netz
Wechseln zu: Navigation, Suche

Mythos ist das griechische Wort für »Erzählung«, wobei es schon in der Antike einen Beiklang haben konnte von »nur eine Erzählung«, also nichts, was der kritischen Überprüfung standhält. Damit wird allerdings der Sinn des Begriffs verkannt. M. ist eigentlich eine »heilige Geschichte« (Mircea Eliade), also eine, die berichtet, was von entscheidender Wichtigkeit ist, weil es durch die Götter getan wurde.

»Man würde auch besser tun, von einem mythischen Raume als von einer mythischen Zeit der Menschheit zu reden. In der Epoche des Mythus ist noch alles beieinander. Die zeitliche Trennung hat noch nicht stattgefunden.«

Alfred Baeumler

Mythen werden deshalb auch nur zu festgelegten Zeiten erzählt oder rituell nachvollzogen, wobei die Akteure in die starke Zeit vor aller Zeit – ille tempore – zurückkehren, als die Götter jedes Wesen und jedes Ding machten und den Zusammenhang zwischen ihnen stifteten. Die einflußreichsten Mythen waren deshalb Schöpfungsmythen, für die sich universal nur eine verblüffend kleine Zahl von Konzepten findet. Daneben spielten Helden- oder Erlösermythen eine Rolle sowie Weltuntergangsmythen.

Unter dem Einfluß der biblischen Lehre hat sich in Europa eine radikale Mythenkritik entwickelt, ohne daß deshalb alle mythischen Elemente der christlichen Religion aufgehoben oder die Entstehung neuer Mythen (etwa der Grals-Mythos im Mittelalter) verhindert wurde. Erst die Aufklärung stellte sich auf den Standpunkt eines konsequenten Rationalismus, der dem M. jede Berechtigung bestritt.

»Ich habe als bedeutsame Beispiele von Mythen diejenigen angeführt, die durch das Urchristentum, durch die Reformation, die Revolution, die Anhänger Mazzinis aufgestellt wurden; ich wollte zeigen, daß man nicht versuchen darf, derartige Systeme von Bildern zu analysieren, so wie man eine Sache in ihre Bestandteile zerlegt: daß man sie vielmehr als ein Ganzes historischer Kräfte nehmen und sich insbesondere davor hüten muß, die nachher vollzogenen Taten mit den Vorstellungen zu vergleichen, die vor der Handlung gegolten hatten.«

Georges Sorel

In ihrer Perspektive erschien er nur als defizitäre Theorie, der Weg hatte »vom M. zum Logos« zu führen. Gegen diese Auffassung gab es nicht nur theologische (Verteidigung des M. als Proprium der religiösen Vorstellung überhaupt), sondern auch ästhetische Einwände, wie sie zuerst die Romantik vertrat (Verteidigung des M. wegen seiner Irrationalität und der darin liegenden schöpferischen Qualität), und philosophische, die die »Wahrheit des M.« (Kurt Hübner) mit der ihm eigenen Ontologie begründeten, die im letzten sowenig beweisbar sei wie jede andere.

Von solcher Apologie des M. ist eine andere Verteidigung zu unterscheiden, die den Begriff eher als Chiffre verwendet, im Sinne eines »Kampfbildes« (Georges Sorel), das heißt einer anschaulichen, sehr stark gefühlsmäßig aufgeladenen Vorstellung von der Entgegensetzung zwischen Wir und Nicht-Wir, Freund und Feind. Derartige Mythen haben eine außerordentliche Bedeutung für die Stiftung und Stabilisierung kollektiver Identität. Sie gehen auf spontane Akzeptanz zurück und gewinnen ihre Überzeugungskraft aus der hohen symbolischen Qualität, die ihnen eignet, nicht aus der Argumentation. Ihnen fehlt das Gemachte einer Utopie und sie spornen zur Begeisterung, nicht zur Reflexion an, was erklärt, weshalb sie die aktivistische Rechte für sich reklamiert, während die Linke ihnen im allgemeinen mit Mißtrauen oder Ablehnung gegenübersteht.

Literatur

  • Alfred Baeumler: Das mythische Weltalter [1926], zuletzt München 1965.
  • Dieter Borchmeyer (Hrsg.): Wege des Mythos in der Moderne, München 1987.
  • Mircea Eliade: Kosmos und Geschichte. Der Mythos der ewigen Wiederkehr [1949/1966], zuletzt Frankfurt a.M. 2007.
  • Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos, München 1985.
  • Georges Sorel: Über die Gewalt [1908/1928], zuletzt Lüneburg 2007.