Lehre vom Zerfall

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Lehre vom Zerfall. Essays (frz. Précis de decomposition, Paris 1949),
E. M. Cioran, Hamburg: Rowohlt 1953.
Emil M. Cioran

Der rumänisch-französische Schriftsteller E. M. Cioran schrieb seine ersten Werke bis Mitte der vierziger Jahre in rumänischer Sprache; das vorliegende Werk gehört bereits seiner französischen Epoche an. Cioran arbeitete hart an dem Manuskript und schrieb das Buch nach eigenen Aussagen viermal, damit man nicht merken sollte, daß es von einem Ausländer geschrieben wurde. Noch bis Mitte der vierziger Jahre war Cioran ein Anhänger der Eisernen Garde Codreanus gewesen; in seinen frühen rumänischen Werken seit Anfang der dreißiger Jahre wie Auf den Gipfeln der Verzweiflung und dem Buch der Täuschungen finden sich jedoch bereits die Grundmotive seines Denkens, die auch nach seinem Abschied vom politischen Extremismus bestimmend für Cioran blieben. So knüpft auch die Lehre vom Zerfall in vieler Hinsicht an seinen Stil des »Gelegenheitsdenkers« an.

»Dekadenz bedeutet nichts weiter als Trübung der Instinkte unter Einwirkung des Bewußtseins.«

Die existentielle Unmittelbarkeit des Cioranschen Denkens kommt in seiner Abneigung gegen indifferente Ideen zum Ausdruck. Gegen die Fanatiker, die Erlösungsideologien propagieren, setzt Cioran seine Welt-und Erlösungsverneinung; stets hat die Menschheit »diejenigen angebetet, die sie ins Verderben stürzten«. Bestialität ist das »Hauptmerkmal jeglichen Erfolges in der Zeit«. Gefährlich ist die siegreiche Idee, denn: Wo »eine Idee den Sieg davonträgt, rollen Köpfe; denn sie kann nur siegen auf Kosten anderer Ideen und auf Kosten der Köpfe, in denen sie entstanden und von denen sie verfochten wurden«. Die Geschichte hat für Cioran keinen Sinn, sie ist ihm lediglich das blutige Resultat der Weigerung des Menschen, sich zu langweilen. Cioran bejaht die Sinnlosigkeit der Geschichte, denn jede Unterstellung eines Sinnes müßte dazu führen, daß man Qualen auszustehen hätte um der Erreichung eines Zieles willen, zu dessen Kosten auch unser Schweiß und unser Scheitern gehören würden. Die Vision eines paradiesischen Endzustandes übertrifft in ihrer Absurdität die schlimmsten Verirrungen der Hoffnung. Man darf diese Überlegungen auch als Versuch verstehen, sich über seine eigene Faszination klar zu werden, die er angesichts der Diktatoren der dreißiger und vierziger Jahre empfand, so wie er auch seinen rumänischen Nationalismus jener Zeit später als Delirium qualifizierte.

Gegenstand der Reflexion in der Lehre vom Zerfall ist nicht zuletzt die Dekadenz, die Cioran tief empfunden hat. Wir leben demnach in einem Klima der Erschöpfung, wir sind die großen Altersschwachen, Techniker der Müdigkeiten, denn der Baum des Lebens ist verdorrt. »Auf den Friedhöfen des Geistes ruhen Prinzipien und Formeln:«, so Cioran, »das Schöne wurde definiert – es liegt hier begraben.« Dasselbe gilt für das Wahre, das Gute, das Wissen und die Götter. Der Verfall einer Kultur beginnt für Cioran in dem Moment, da das Leben zu ihrer Wahnidee werde, denn Hochkulturen bilden Werte nur um ihrer selbst willen, während im Stadium der Dekadenz das Leben selbst gewollt wird. In schöpferischen Zeiten gelingt es einer Kultur, Begriffe in Mythen umzuwandeln; wenn aber einmal die Herrschaft der Verstandesklarheit beginnt, gilt: »Aus Mythen werden wieder Begriffe: die Dekadenz ist da.« Toleranz, die laut Cioran als das höchste aller irdischen Güter gilt, ist zugleich auch ein Übel, an dem die Erde kranke, denn es setzt einen »Zustand allgemeiner Erschlaffung und Sterilität« voraus, allen Meinungen und Glaubensüberzeugungen gleiche Geltung zuzusprechen.

Ciorans entschieden anti-philosophisches Denkens steht in der Tradition des desillusionierenden Denkens, das sehen will, was ist, ohne sich über die Wirklichkeit zu täuschen. Dazu gehört allerdings auch die unhintergehbare Einsicht, daß das Leben ohne seine Illusionen nicht denkbar und lebbar ist. Ciorans düstere Anti-Philosophie, die von Paul Celan ins Deutsche übersetzt wurde, fand vor allem Anklang an den Rändern des intellektuellen Betriebes; so würdigte Ulrich Horstmann den rumänischen Schriftsteller als neuen Schopenhauer eines präapokalyptischen Zeitalters, der philosophisch zu Ende gekommen sei. Andere haben Cioran als »Nietzsche der Karpaten« bezeichnet – beide Bezeichnungen bezeugen, daß sich Cioran in der Lehre vom Zerfall und zahlreichen weiteren Essays wie z. B. Geschichte als Utopie oder Die verfehlte Schöpfung mit einer seltenen Folgerichtigkeit, aber auch mit Lust an der Provokation, am Projekt der Desillusionierung beteiligte, das für das liberale und fortschrittliche Denken zutiefst verstörend wirken mußte.

Ausgabe

Literatur

  • Patrice Bollon: Cioran. Der Ketzer, Frankfurt a. M. 2006.
  • Doris Heres: Die Beziehungen derfranzösischen Werke Émile Ciorans zu seinen ersten rumänischen Schriften, Bochum 1988.
  • Bernd Mattheus: Cioran. Portrait eines radikalen Skeptikers, Berlin 2007.
Der Artikel wurde von Till Kinzel verfaßt.