E. M. Cioran

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Cioran, E. M. (eigentlich Emil Cioran),
geb. 8. April 1911 Rˇas˛inari,
gest. 20. Juni 1995 Paris.
Emil Cioran

Der rumänisch-französische Schriftsteller und Denker Emil Cioran hat ein in vieler Hinsicht unvergleichliches Werk vorgelegt, das in zwei Teile zerfällt: 1. die rumänisch geschriebenen Texte der Frühzeit bis in die vierziger Jahre und 2. die französisch geschriebenen Texte seit seiner Übersiedlung nach Paris. Cioran, der früh Deutsch lernte, war mit den zeitgenössischen philosophischen und theologischen Problemstellungen bestens vertraut, schloß sich aber keiner der bestehenden Strömungen an, sondern entwickelte eine radikale, teils idiosynkratische Position, die sich im letzten gegen jede Systematisierung des menschlichen Daseins richtete.

Tatsächlich muß Cioran als radikaler Antiphilosoph verstanden werden, der sich gegen jedes System richtet, und zwar auf der Grundlage einer existentiellen Melancholie und Langeweile (von ihm auch mit den Begriffen ennui und cafard umschrieben), die er gegenüber der Welt an sich mit großer Intensität empfand. Weil Cioran kein systematischer Denker war, besteht ein großer Teil seines Werkes aus aphoristischen und essayistischen Texten. Die Form entspricht so der Unmöglichkeit des theoretischen Zugriffs auf die Welt, sie spiegelt aber auch die Wiederkehr von Motiven, die als konstitutiv für Ciorans Denken seit seinen schriftstellerischen Anfängen gelten können. Diese Texte befassen sich mit einem großen Spektrum von Themen im Kontext von Gott, Teufel, Mensch und Welt, beziehen sich aber auch immer wieder auf eigene Erlebnisse, Gedanken und nicht zuletzt Lektüren, war Cioran doch ein unersättlicher Leser. In der Nachfolge der französischen Moralisten, aber auch englischer Satiriker wie Jonathan Swift mit ihrer schonungslosen Durchleuchtung der menschlichen Natur war auch Cioran ein anthropologischer Pessimist, der sich selbst von dieser Diagnose in keiner Weise ausnahm: »Der Mensch ist ein Abgrund. Vom Wesen her. Eher schlecht als gut.«

Cioran glaubte nicht an den oder überhaupt einen Sinn der Geschichte und lehnte damit jede Geschichtsphilosophie im engeren Sinne ab: Geschichte habe keinen Sinn, sondern nur einen Verlauf. Gleichwohl fand das Problem der Dekadenz Ciorans besonderes Interesse, fragte er sich doch, warum es zum Niedergang von Kulturen kommt. Für das Europa des späten 20. Jahrhunderts erkannte Cioran eine Bedrohung von dessen Kultur, die von in nen käme, weil die Europäer seiner Auffassung nach innerlich zerrüttet seien. Dem entsprach Ciorans Alptraum von einer Moschee in jedem Pariser Quartier, wie er auch der Meinung war, Paris sei (in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts) bereits teilweise von Barbaren okkupiert.

Ciorans bis heute umstrittenstes Buch – sieht man von einigen, inzwischen auch in deutscher Übersetzung zugänglichen Artikeln aus der Zeit seines Deutschlandaufenthaltes Anfang der dreißiger Jahre ab – ist die Verklärung Rumäniens (1936), deren Wiederabdruck Cioran nur unter Fortlassung einiger Kapitel über Ungarn und Juden erlaubte, von denen er sich später entschieden distanzierte. Dieser Text ist einer der wenigen, die bisher nicht in deutscher Übersetzung vorgelegt wurden. Eine Reihe von Positionen dieses Buches, das sich mit der rumänischen Kultur befaßt, zeugen von Ciorans in den dreißiger und vierziger Jahren kultivierter Sympathie für den radikalen rumänischen Nationalismus eines Corneliu Zelea Codreanu, des »Capitans«, dem Cioran nach seiner Ermordung 1938 einen Gedächtnisartikel widmete.

»Im Grunde sind alle Ideen falsch und absurd. Es bleiben nur die Menschen, so wie sie sind ... ich bin von jeder Ideologie geheilt.«

Auch wenn sich Cioran später deutlich vom Fanatismus seiner ersten, rumänischen, Schaffensperiode, der unter dem Einfluß der Eisernen Garde stand, abgrenzen sollte, sind doch die gemeinsamen Züge des Früh- und Spätwerks nicht zu übersehen. Ein wirklicher Bruch läßt sich weder in Ausdrucksform noch thematisch wirklich konstatieren. Cioran setzte sich von Anfang an mit Schriftstellern und Denkern jenseits des Mainstream auseinander, wie exemplarisch seine Würdigung des reaktionären Meisterdenkers Joseph de Maistre zeigt; unter seinen Zeitgenossen pflegte Cioran auch die Freundschaft mit Autoren wie Samuel Beckett.

Aus dem Nachlaß wurde ein umfangreicher Band mit eigentlich zur Vernichtung vorgesehenen Tagebuchaufzeichnungen und Notizen veröffentlicht, der einen sehr guten und umfassenden Einblick in das geistige Leben des inkommensurablen Skeptikers und Ketzers bietet.

Schriften

  • Auf den Gipfeln der Verzweiflung [1934], Frankfurt a. M. 1989.
  • Lehre vom Zerfall [1949], Hamburg 1953.
  • Dasein als Versuchung [1956], Stuttgart 1983.
  • Die verfehlte Schöpfung [1969], Wien 1973.
  • Vom Nachteil, geboren zu sein [1973], Wien et al. 1973.
  • Über Deutschland, Frankfurt a. M. 2011.
  • Notizen 1957–1972. Vollständige Ausgabe, Wien 2011.

Literatur

  • Patrice Bollon: Cioran, der Ketzer, Frankfurt a. M. 2006.
  • Doris Heres: Die Beziehungen der französischen Werke Émile Ciorans zu seinen ersten rumänischen Schriften, Bochum 1988.
  • Till Kinzel: Autorenportrait Emil Cioran, in: Sezession (2007) Heft 16.
  • Bernd Mattheus: Cioran. Porträt eines radikalen Skeptikers, Berlin 2007.
  • Armin Mohler: Cioran – der postrevolutionäre Denker, in: Criticón (1986), Heft 95.
Der Artikel wurde von Till Kinzel verfaßt.