Lebendiges politisches Erbe

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Lebendiges politisches Erbe. Freiheitliches Gedankengut von Burke bis Santayana 1790–1958 (engl. The Conservative Mind from Burke to Santayana, Chicago 1953),
Russell Kirk, Erlenbach-Zürich/Stuttgart: Rentsch 1959.
Russel Kirk, 1962

Der Konservatismus gilt nach einem klassischen Wort John Stuart Mills als die »dumme Partei« (the stupid party). Eine nennenswerte geistig anspruchsvolle konservative Theorie besitze er nicht. Den Gegenbeweis trat Russell Kirk mit seiner Dissertation, der ideengeschichtlichen Studie The Conservative Mind, an, das als eines der erfolgreichsten konservativen Bücher in den Vereinigten Staaten bis heute nachgedruckt wird. Die negativen Auswirkungen des progressiven Denkens machten es notwendig, die Konservativen erneut ernst zu nehmen, da sie die Mängel der progressiven Weltanschauung sehr scharfsichtig analysiert und seziert hatten.

Kirk aktualisierte die Grundpositionen Edmund Burkes, die dieser in der Auseinandersetzung mit dem Rationalismus und der Französischen Revolution entwickelt hatte und die darauf basierte, das Alte und Bewährte gegen das Neue und Unbewährte in Stellung zu bringen. Erst seit dem Erscheinen von Burkes Betrachtungen über die Französische Revolution (1790) gebe es einen bewußten Konservatismus, dessen Prinzipien von Burke und seinen Nachfolgern am reinsten vertreten worden sei. Der Wert der Überlieferungen in einer Gesellschaft, die als Vor-Urteile und Vorschriften das Verhalten der Menschen steuern, wurde von Burke gegen den revolutionären Nihilismus verteidigt, um organische Entwicklungen gegen die Planung der Gesellschaft am Reißbrett zu setzen.

»Das Individuum ist töricht, aber die Spezies ist weise.«

Kirks Buch entriß zahlreiche angloamerikanische konservative und klassisch-liberale Denker vor allem des 19. Jahrhunderts der Vergessenheit und führte die Linie der konservativen Denker bis zu George Santayana und T. S. Eliot herauf, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts einige Wirkung entfalteten. Kirks Bild des konservativen Denkens ist weniger an politökonomischen Analysen orientiert und bezieht auch literarische Formen des Konservatismus wie bei Sir Walter Scott, S. T. Coleridge, J. F. Cooper oder Nathaniel Hawthorne ein. Zu weiteren Gewährsleuten seiner Rekonstruktion des Konservatismus zählen u.a. auch Alexis de Tocqueville, Benjamin Disraeli, Orestes Brownson, John Henry Newman und Irving Babbitt.

Nach Kirk ist der Konservatismus kein starres System von Lehrmeinungen. Das Hauptziel des Konservatismus besteht in der »Erhaltung der ehrwürdigen, moralischen Überlieferungen der Menschheit«. Die Konservativen sieht er von Ehrfurcht vor der Weisheit ihrer Vorfahren geleitet. Diese Orientierung versucht Kirk auch inhaltlich zu bestimmen, indem er sechs grundlegende Regeln der konservativen Weltanschauung definiert: 1. Politische Probleme haben einen religiös-moralischen Kern: die menschliche Gesellschaft wie das Gewissen des einzelnen sind von einer göttlichen Absicht gelenkt und einem natürlichen Gesetz unterworfen; 2. die Ablehnung von Gleichmacherei und Utilitarismus und die Bejahung des unerschöpflichen Reichtums und des Geheimnisses des Lebens; 3. die Überzeugung von der Notwendigkeit einer sozialen Rangordnung und Klassenstruktur; 4. die Überzeugung von der engen Verbindung von Privateigentum und Freiheit; 5. das Vertrauen auf das überlieferte Recht und die Ablehnung der Sophisterei sowie die Einsicht, daß die Tradition und das gesunde Vorurteil eine mäßigende Wirkung auf das rebellische Triebleben des Menschen haben; und schließlich 6. die Einsicht, »daß Veränderung und Reform nicht das gleiche sind, und daß Neuerungen weit häufiger einer alles verzehrenden Feuersbrunst gleichen als einer Fackel des Fortschritts«. Veränderungen der Gesellschaft sollten dagegen nach Kirk im Einklang mit der göttlichen Vorsehung vorgenommen werden.

Kirks Wiederbelebung der politischen Philosophie Edmund Burkes mit ihrer Kritik des Rationalismus der französischen »philosophes«, des romantischen Sentimentalismus Rousseaus und des Utilitarismus Benthams stellt seine wohl größte Leistung dar. Wenn auch der Mensch nach Kirk nicht vervollkommnungsfähig ist, so besteht doch immer auch die Möglichkeit, eine konservative Ordnung zu etablieren, die nach einer etwaigen, von ungezügelten Begierden und blindem Ehrgeiz herbeigeführten Katastrophe »die versengtenÜberreste der Zivilisation aus der Asche zu holen« hätte.

Kirks entschieden anti-individualistische und traditionalistische Position wurde von stärker libertär ausgerichteten US-Konservativen wie Frank Meyer als kollektivistisch kritisiert, worin eine fortwirkende Spannung innerhalb des konservativen Lagers zum Ausdruck kam. Kirks geistesgeschichtlicher Zugang zum Konservatismus in The Conservative Mind war in der Nachkriegszeit sehr erfolgreich; das Buch verkaufte sich über Erwarten gut und trug zum Aufbau einer konservativen Bewegung bei, die nicht länger als die »dumme Partei« gelten konnte, nachdem Kirk gezeigt hatte, daß es eine »Galaxis brillanter Geister« des Konservatismus gab (J. Hart).

Literatur

  • Jeffrey Hart: The Making of the American Conservative Mind. National Review and Its Times, Wilmington 2005.
  • Russell Kirk: The Sword of Imagination. Memoirs of a Half-Century of Literary Conflict, Grand Rapids 1995.
  • James E. Person: Russell Kirk. A Critical Biography of a Conservative Mind, Lanham 1999.
Der Artikel wurde von Till Kinzel verfaßt.