T. S. Eliot

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Eliot, T. S. (Thomas Stearns),
geb. 26. September 1888 St. Louis (Missouri),
gest. 4. Januar 1965 London.
T. S. Eliot, 1923. Photo: Lady Ottoline Morrell

Der Dichter und Literatur-Nobelpreisträger (1948) absolvierte ein Studium der Philosophie in Harvard, wo ihn u. a. George Santayana und Josiah Royce beeindruckten, die beide stark von deutscher Philosophie geprägt waren. Er verfaßte eine Dissertation über den Idealisten F. H. Bradley, konnte sie aber kriegsbedingt nicht mehr verteidigen. Der gebürtige Amerikaner Eliot identifizierte sich nach seiner Übersiedlung nach Europa schnell mit England als geistiger Heimat und übernahm den englischen Habitus in Kleidung und Stil. Diesem antisentimentalen Stil entsprach auch seine Zurückhaltung, Persönliches öffentlich zu machen. Eliot praktizierte den Stil des Gentleman, der sich korrekt und sauber kleidete und, wie Herbert Read bemerkte, »weder im Denken noch im Erscheinungsbild jemals ein Bohemien war«. Damit markierte Eliot auch nach außen hin unmißverständlich seine Distanz zu allen Formen der stillosen Romantik, insbesondere aber auch zur Bloomsbury-Group um Virginia Woolf, die sich bekanntlich entsetzt über Eliots Hinwendung zum Glauben äußerte.

Politisch steht die von Eliot entwickelte Idee einer »christlichen Gesellschaft« in einiger Spannung zur sozialen und politischen Praxis der westlichen Demokratien; für Eliot stellte sich die Alternative der Bildung einer neuen christlichen Kultur oder der Bejahung einer paganen Kultur. Starke Impulse für sein politisches Denken im Sinne einer »klassischen« Orientierung empfing Eliot durch die Lektüre von Werken Charles Maurras’ und T. E. Hulmes, der als »konservativer Revolutionär aus England« (Peter Hoeres) gilt.

Im Gefolge seiner religiösen Entwicklung und seiner Auseinandersetzung mit Dante kam er zu der Einsicht einer überindividuellen Qualität eines traditionellen Glaubens- und Moralsystems. Dieses bestehe als etwas, das vom einzelnen unterschieden ist und von diesem sogar ohne Glauben verstanden und bejaht werden könne. Eliots Verständnis der Tradition im Bereich der Literatur läßt sich auch auf die Gesellschaft insgesamt übertragen: Tradition allein genügt nicht, weil diese ständig erneuert werden muß; die kreative Auseinandersetzung mit der Tradition braucht aber nach Eliot auch die Orientierung an dem, was er Orthodoxie nennt, also eine intellektuell anspruchsvolle Artikulation der Prinzipien und Praktiken des richtigen Lebens und Denkens.

»Die meisten »Verteidiger der Tradition« sind bloße Konservative, die nicht zwischen dem Bleibenden und dem Vergänglichen, zwischen dem Wesentlichen und dem Zufälligen unterscheiden können.«

Eliots literaturgeschichtliche Bedeutung beruht vor allem auf seiner Lyrik, die zu den kanonischen Werken der literarischen Moderne gehört. Nach seiner religiösen Krise im Jahr 1925 wird der spirituelle und geradezu mystische Aspekt seiner Dichtung unübersehbar, vor allem in Ash Wednesday von 1930, und kulminiert einerseits in dem in Versen abgefaßten theologisch- politischen Historiendrama Murder in the Cathedral (1935), das von Rudolf Alexander Schröder ins Deutsche übertragen wurde; andererseits in den Four Quartets, die man als Eliots Summe der dichterischen Auseinandersetzung mit der religiösen und mystischen Erfahrung sowie der philosophischen Tradition seit den Vorsokratikern verstehen kann.

Die Bedeutung Eliots für eine konservative Kulturkritik könnte im 21. Jahrhundert deutlich zunehmen, so wie auch seine Statur als Dichter nach einigen Jahren der Vernachlässigung erstaunlich unbeschädigt aus den teils politisch korrekten Auseinandersetzungen hervorging. T. S. Eliots Texte, insbesondere seine zahlreichen Essays, sind immer noch nicht vollständig in einer Werkausgabe ediert. Es ist zu erwarten, daß mit der weiteren Publikation von Briefwechseln und vor allem einer – dringend nötigen – vollständigen Ausgabe seiner Essays und kritischen Schriften die säkulare Bedeutung Eliots unterstrichen wird. Er wird daher als wichtige Inspirationsquelle für einen Konservatismus auf dem höchsten geistigen Niveau unverzichtbar bleiben. Nicht zuletzt Konservative wie Russell Kirk oder Roger Scruton griffen Eliots Gedanken der »permanent things«, der überdauernden Sachen, auf – jener »Sachen«, die über die Zeit hinaus Gültigkeit haben und sicherstellen, daß eine Gesellschaft Frieden und Zusammenhalt gewährt und dem einzelnen die Möglichkeit gibt, sich zu einer wahrhaft menschlichen Person zu bilden.

Schriften

  • After Strange Gods. A Primer of Modern Heresy, London 1934.
  • Mord im Dom, Berlin 1946.
  • Essays (Werke in vier Bänden, Bd. 2 [Essays I] und 3 [Essays II]), Frankfurt a. M. 1967.
  • Gedichte 1909–1962 (Werke 4), Frankfurt a. M. 1988.
  • The Varieties of Metaphysical Poetry, London 1993.
  • Das öde Land, Übersetzung Norbert Hummelt, Frankfurt a. M. 2008.
  • The Letters, 2 Bde. [I: 1898–1922; II: 1923–1928], London 2009.

Literatur

  • Peter Ackroyd: T. S. Eliot. Eine Biographie, Frankfurt a. M. 1988.
  • Russell Kirk: Eliot and His Age. T. S. Eliot and the Moral Imagination in the Twentieth Century, Wilmington 2008.
  • Roger Kojecky: T. S. Eliot’s Social Criticism, London 1972.
  • Stefan Plasa: Knots and Vortices. T. S. Eliots und Ezra Pounds Dichtungstheorie zwischen Tradition und Innovation, Paderborn 2010.
  • Wolfgang Riehle: T. S. Eliot, Darmstadt 1979.
  • Roger Scruton: T. S. Eliot as Conservative Mentor, in: The Intercollegiate Review (Herbst 2003/Frühling 2004).
  • Helmut Viebrock/Armin Paul Frank (Hrsg.): Zur Aktualität T. S. Eliots. Zum 10. Todestag, Frankfurt a. M. 1975.
Der Artikel wurde von Till Kinzel verfaßt.