Konservatismus

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Konservatismus bezeichnet jenen Teil der politischen Rechten, der sich – wie der vom lateinischen conservare für »bewahren« abgeleitete Name schon sagt – der Erhaltung bestimmter Überlieferungen verpflichtet fühlt. In diesem Sinn ist der Konservatismus zuerst am Ende des 18. Jahrhunderts aufgetreten und hat eine Formierungsphase bis zum Beginn der Restauration durchlaufen: Bekanntermaßen trat die Parteibezeichnung »konservativ« erst 1818 in Ableitung von der Zeitschrift Chateaubriands Le Conservateur auf.

»Und auch eine konservative Krise hat es immer gegeben; sie ist dem Wesen des Konservatismus eingeboren. Der Nomos, sagten wir, ist der Lebensgeist der politischen Einheit selbst, die er gebildet hat; in kultischen Gebräuchen, in Sitten und Überlieferungen wirkt er nicht anders als in Gesetzen und politischen Entschlüssen. Aber im Laufe der Geschichte wandelt sich die politische Einheit immer aufs neue; die politischen Situationen verändern sich schneller als Brauch und Sitte. So tun sich immerfort Risse in der politischen Einheit auf; Aufgaben treten an sie heran, deren Meisterung neue Formen, neue Wagnisse erfordert. Immer gilt es, die bestehende Ordnung aus dem Nomos neu zu konstituieren, und selten lassen Drang und Not Zeit, alle alten Heiligtümer zu bewahren und in die neue Zeit zu retten, immer wieder müssen die Tempelschätze geplündert werden.«

Albrecht Erich Günther

Allerdings gab es und gibt es die Auffassung, daß man die Entstehung des Konservatismus nicht nur auf die damaligen Zeitumstände, das heißt die Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution, zurückführen könne. Das hat zur Entstehung verschiedener Deutungen des Ursprungs konservativer Weltanschauung beigetragen:

  1. Am weitesten geht die Annahme einer bestimmten anthropologischen Anlage, die von vornherein Menschen zu konservativen oder revolutionären Auffassungen disponiert; damit verwandt ist die Idee, daß es sich beim Konservatismus um eine Haltung handelt, die in der Jugend schwach ist und mit zunehmendem Alter stärker wird.
  2. Davon zu trennen ist die These einer »ewigen Rechten«, die im Grunde seit jeher Ordnung und Ungleichheit gegen die »Ewige Linke« verteidigte. Mehr in polemischer Absicht entstand die Bezeichnung jeder Positionsverteidigung als »konservativ«, selbst dann, wenn so Kommunisten plötzlich als Träger eines Konservatismus erscheinen.
  3. Im allgemeinen dürften die Anhänger solcher Positionen mit den Angehörigen der herrschenden Klassen oder der ehemals herrschenden Klassen identisch sein, gelegentlich ergänzt um jene, die aus prinzipiellen Gründen linken Programmen feindlich gegenüberstehen, womit eine Traditionslinie von Platon über Cato bis zum Konservatismus der Gegenwart gezogen werden könnte.
  4. Es bleibt dann die Position zu nennen, die den Konservatismus als konkrete historische Erscheinung betrachtet, die in Verteidigung der alten societas christiana entstand und seitdem eine Reihe von Metamorphosen erlebt hat, bis mit dem Niedergang ihrer Trägerschichten, vor allem des Adels, nur noch bedeutungslose Reste übriggeblieben sind.
  5. Schließlich sei noch die Interpretation erwähnt, die meint, daß der Konservatismus wie jede politische Strömung der Moderne verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen hat und sich nach einer »Achsenzeit« (Karl Jaspers beziehungsweise Armin Mohler) von der ursprünglichen Bindung an korporative und religiöse Bestände lösen konnte, um ein Konzept zu entwickeln, das mit dem des traditionellen Konservatismus zwar gewisse Übereinstimmungen aufweist (Ablehnung des Egalitarismus und der Utopie, Bejahung von Institution und historischer Existenz), diese aber argumentativ und unter Einbeziehung moderner Erkenntnisse und Begründungsverfahren vertritt.

Was für diese letzte Interpretation spricht, ist vor allem das Phänomen einer kulturellen Rechten, die – unbeeindruckt vom geschichtlichen Wandel – die Auffassung vertritt, daß spätestens seit der großen »Erwartungsenttäuschung« (Hermann Lüb­be) am Ende des 19. Jahrhunderts die Verheißungen der Aufklärung und damit die des Sozialismus und des Liberalismus erledigt wurden und einer anderen, gleichermaßen älteren wie moderneren, weil wirklichkeitsgerechteren, Sicht der Dinge Platz machen müßten.

»Konservativ sein bedeutet mehr als ein Programm, es ist eine Haltung. Konservativ sein heißt frei, innerlich frei, sicher und der Wirklichkeit, dem Leben nahe sein.«

Karl Anton Prinz Rohan

Literatur

  • Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Der schwierige Konservatismus, Herford 1975.
  • Gerd-Klaus Kaltenbrunner (Hrsg.): Konservatismus international, Stuttgart 1973.
  • Gerd-Klaus Kaltenbrunner (Hrsg.): Rekonstruktion des Konservatismus, Freiburg i. Br. 1972.
  • Panajotis Kondylis: Konservativismus, Stuttgart 1986.
  • Russell Kirk: Lebendiges politisches Erbe, Erlenbach und Zürich 1959.
  • Karl Mannheim: Konservatismus. Ein Beitrag zur Soziologie des Wissens, hrsg. von David Kettler, Volker Meja und Nico Stehr, Frankfurt a. M. 1984.
  • Johann Baptist Müller: Die politischen Ideenkreise der Gegenwart, Berlin 1992.
  • Peter Richard Rohden: Deutscher und französischer Konservativismus, in: Dioskuren, 3 (1924), S. 90-138.
  • Georg Quabbe: Tar a Ri. Variationen über ein konservatives Thema [1927], zuletzt Toppenstedt 2007.
  • Caspar von Schrenck-Notzing: Konservatismus, konservativ, in ders. (Hrsg.): Lexikon des Konservatismus, Graz und Stuttgart 1996, S. 319-323.
  • Roger Scruton: The Meaning of Conservatism, Harmondsworth 1980.
  • Karlheinz Weißmann: Das konservative Minimum, Kaplaken, Bd 1, Schnellroda 2007.