Geschlecht und Charakter

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Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung,
Otto Weininger, Wien: Wilhelm Braumüller 1903.
Otto Weininger

Das einzige autorisierte Werk Otto Weiningers verdient es, einzigartig genannt zu werden. Die in Geschlecht und Charakter umbenannte und erweiterte Fassung seiner Dissertation »Eros und Psyche« durchmißt die ganze Spannbreite zwischen positiver Wissenschaft und spekulativer Philosophie: Aus einer empirischen Charakterkunde der Geschlechter entwickelt der junge Autor eine kulturkritisch pointierte transzendentale Geschlechtermetaphysik. Methodisch geschult am Empiriokritizismus folgt Weininger der Annahme eines »psychophysischen Parallelismus«, um aus den »biologisch-psychologischen« Prämissen seiner sexuellen Typenlehre schließlich »psychologisch-philosophische« Konsequenzen zu ziehen, die auf nicht weniger als eine Restitution der Platonischen Ontologie, der Kantischen Ethik und der christlichen Religiosität hinauslaufen.

Nach der hypothetischen Maßgabe einer ursprünglichen Androgynität des Menschen werden »Mann« und »Weib« als idealtypische Begriffe eingeführt, wogegen die realen Individuen sich durchgängig als Mischformen erweisen: So wenig es rein männliche Männer und rein weibliche Frauen gibt, so wenig finden sich ausschließlich heterosexuelle oder homosexuelle Naturen. Diese Zwischenstufen der sexuellen Identität wie der sexuellen Orientierung stellen keine pathologischen, sondern normale Phänomene dar, die sich aus der angeborenen Bisexualität des Menschen erklären, welche ihrerseits aus der sexuellen Undifferenziertheit seiner embryonalen Anlage erwächst. Konsequent verbindet Weininger mit seiner Entpathologisierung der Homosexualität die Forderung nach ihrer Entkriminalisierung.

Weiningers progressive Sexualpolitik bleibt indessen gebunden an eine ultrakonservative Geschlechtertypologie, die eine irreduzible und zudem asymmetrische Geschlechterdifferenz postuliert: »Der Mann hat den Penis, aber die Vagina hat die Frau.« Der ganze Körper des Weibes imponiert so als »Dépendance seines Geschlechtsteiles« und Weiblichkeit überhaupt als schamlos universelle Sexualität. Diese tritt nicht nur im Typus der Prostituierten zutage, sondern ebenso in der ihr idealtypisch entgegengesetzten Mutter, für welche die Sexualität zwar kein Selbstzweck, aber als Mittel zum Zweck der Schwangerschaft nicht minder zentral ist. In ihrer Naturverfallenheit erweisen sich die instinktive Mutterliebe und die triebhafte Dirnenliebe als gleichermaßen unsittlich. Während freilich die dem Gattungsgesetz gehorchende Mutter den Koitus um des »Depositums« willen bejaht, will die Dirne darin als Individuum »verschwinden, zermalmt, zernichtet werden vor Wollust«.

Die im sexuellen Genießen sich offenbarende »ontologische Nichtigkeit« des Weibes aber weckt die Furcht des Mannes vor dem »lockenden Abgrund des Nichts«. Um »Etwas« zu sein, muß der Mann, der mehr als bloße Sexualität ist, seine Not überwinden und der weiblichen »Materie« eine schöpferische »Form« aufprägen; denn nur als »Subjekt«, welches sich das Weib als »Objekt« entgegenstellt, vermag er den fleischlichen »Willen zur Lust« durch einen geistigen »Willen zum Wert« zu brechen, wie er sich in den ewigen Ordnungen der Logik, Ethik und Religion manifestiert. Während die von einem äußerlichen »Willen zur Macht« beherrschten Helden und Tatmenschen noch in die empirischen Grenzen des Zeitlichen gebannt sind, stoßen dagegen die Heiligen und Religionsstifter ins innere Reich des transzendentalen Geistes als der erhabensten Freiheit vom Naturgesetz vor.

Weininger tritt »nicht für die Emanzipation des Weibes vom Manne, sondern für die Emanzipation des Weibes vom Weibe« ein. Er erkennt die »völlige Berechtigung des Anspruches auf Gleichheit vor dem Gesetze« an, wobei diese nicht eo ipso auch »moralische und intellektuelle Gleichheit« bedeutet. Allerdings schätzt Weininger gerade intellektuelle und kinderlose Frauen und fordert die Männer dazu auf, ihre Abneigung gegen das »männliche Weib« zu überwinden, welche nur ihrem egoistischen Wunsch entspringt, die Frau als Projektionssubstrat und Sexualobjekt zu benutzen. Überhaupt verdammt Weininger »jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht« und verficht eine Ethik der Enthaltsamkeit, da allein im Rahmen eines asexuellen Geschlechterverhältnisses die reinmenschliche Würde der Frau gewahrt werden kann. Wie für den Frauenhaß macht Weininger schließlich auch für den Judenhaß geltend, daß der Mensch nur denjenigen verabscheut, »durch wen er sich unangenehm an sich selbst erinnert fühlt«: Der Antisemitismus weist immer auch jüdische Eigenarten auf, und darum sind die aggressivsten Antisemiten nicht unter den Ariern, sondern unter den Juden selbst zu finden.

Beethovens Sterbehaus in der Wiener Schwarzspanierstraße (1903 abgerissen)

Otto Weininger beging in Ludwig van Beethovens Sterbehaus in Wien Selbstmord. Der Schuß galt seinem »Doppelgänger«, diesem »Ensemble aller bösen Eigenschaften des Ich«: dem Weib und dem Juden in ihm selbst. Inmitten »nicht nur der jüdischsten, sondern auch der weibischsten aller Zeiten« rang der österreichische Philosoph ungarisch-jüdischer Herkunft nach seiner formellen Konversion zum protestantischen Christentum verzweifelt um eine substantielle Regeneration männlich-arischer Geistigkeit. Sein tragisches Scheitern an den selbstauferlegten asketischen Idealen ließ ihn zu einem schillernden Vertreter der Dekadenz werden; sein paranoider Scharfsinn in der Juden-und Geschlechterfrage machte ihn zu einem strengen Vordenker des Faschismus.

»Der Koitus ist die Bezahlung, welche der Mann der Frau für ihre Unterdrückung zu leisten hat. Und so sehr es die Frau charakterisieren mag, daß sie um diesen Preis sicherlich stets auch dem ärgsten Sklavenjoch sich gerne fügt, der Mann darf auf den Handel nicht eingehen, weil auch er sittlich dabei zu kurz kommt. Der Haß gegen das Weib ist nur der Haß des Mannes gegen die eigene, noch nicht überwundene Sexualität.«

Weiningers ebenso verwegenes wie verstörendes Werk entfaltete seinerzeit eine ungeheure Wirkung auf die Kultur des Fin de siècle und avancierte rasch zu einem Klassiker der Wiener Moderne. Weithin wurde Weininger als genialer Vorläufer Freuds gefeiert. Zur erlesenen Schar seiner Verehrer zählten Karl Kraus, Kafka, Kubin, Canetti, Musil, Trakl, Strindberg und Schönberg. Weiningers Weltanschauung wirkte aber auch auf Mussolini, Evola und Cioran. Einen »Heiligen des Judentums« nannte ihn Spengler, und Hitler erinnerte an Dietrich Eckarts Wort von dem »einen anständigen Juden, der sich das Leben genommen hat«. Gleichwohl war Geschlecht und Charakter aufgrund der jüdischen Abstammung seines Autors im Dritten Reich verboten. Heute wiederum ist es wegen seiner antisemitischen und antifeministischen Ausrichtung verpönt.

Ausgabe

  • München: Matthes & Seitz 1980.

Literatur

  • Jacques Le Rider/Norbert Leser (Hrsg.): Otto Weininger. Werk und Wirkung, Wien 1984.
  • Jacques Le Rider: Der Fall Otto Weininger. Wurzeln des Antifeminismus und Antisemitismus. Mit der Erstveröffentlichung der »Rede auf Otto Weininger« von Heimito von Doderer, Wien/München 1985.
Der Artikel wurde von Siegfried Gerlich verfaßt.