Bautzen – Gefängnis

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Strafvollzugseinrichtung (StVE) Bautzen - "Gelbes Elend" (Bautzen I), 2006

Mit der Landesstrafanstalt Bautzen wurde im Jahr 1904 am nördlichen Rand der Kleinstadt die damals modernste Strafvollzugsanstalt Sachsens ihrer Bestimmung übergeben. Bereits in dieser Zeit erhielt das aus gelben Klinkern errichtete Gebäude den berüchtigten Beinamen »Gelbes Elend«. In den dreißiger Jahren gehörte »Bautzen I« zu den sieben größten Gefängnissen in Deutschland. Auch politische Gefangene inhaftierte man hier, u.a. den Kommunistenführer Ernst Thälmann von 1943 bis 1944.

Zwischen 1902 und 1906 entstand an der Lessingstraße in der Bautzener Ostvorstadt ein weiterer Vollzugskomplex, der ursprünglich 134 Einzel-, 23 Dreimann-, zwei Durchgangs-, vier Kranken- und fünf Arrestzellen umfaßte. Diese Haftanstalt »Bautzen II« wurde im Jahr 1933 offiziell zur Zweigstelle von »Bautzen I«.

»Bautzen II« diente zwischen 1933 und 1945 als Gerichtsgefängnis und zur Unterbringung sogenannter Schutzhäftlinge der SA. Nach dem Kriegsende 1945 unterhielt die sowjetische Militärverwaltung dort bis 1949 ein Untersuchungsgefängnis. Ab 1949 unterstand die Haftanstalt als Untersuchungsgefängnis »Bautzen II« dem Justizministerium der DDR, wurde 1951 der Verwaltung des Innenministeriums übergeben und unterstand seit 1956 faktisch der Kontrolle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Die Stasi war im »Sonderobjekt für Staatsfeinde«, wie die Haftanstalt intern genannt wurde, mit besonderen Zugriffs- und Aufsichtsrechten ausgestattet.

Der offizielle Sprachgebrauch der DDR kannte keine politischen Häftlinge. Das wurde vom Justizministerium im Jahr 1951 untersagt: »Wer unsere antifaschistischdemokratische Ordnung angreift... begeht eine strafbare Handlung... Die Strafgefangenen dieser Art sind deshalb auch keine politischen Gefangenem, sondern kriminelle Verbrecher. Die Bezeichnung dieser Strafgefangenen als politische Häftlinge wird daher hiermit untersagt.«

»Ab nach Bautzen!« galt umgangssprachlich als schlimmste Drohung für den, der sich dem SED-Staat verweigerte. »Bautzen II« war die meistgefürchte-te Haftanstalt der DDR, berüchtigt als der »Stasi-Knast« und damit Symbol des sozialistischen Regimes. Im Hochsicherheitstrakt mit rund 200 Plätzen wurden insbesondere prominente oder dem Staatsapparat gefährliche Häftlinge - Regimegegner, Fluchthelfer, Spione, ehemalige NSDAP-Funktionäre, »Republikflüchtlinge« - inhaftiert. Am Klingelschild stand »Volkspolizeikreisamt« und »Staatsanwaltschaft«. Das Strafmaß der »Politischen« wurde zwischen Justiz, MfS und SED-Organen abgestimmt. Nach dem Urteil und der Einlieferung nach Bautzen war der Häftling der Willkür der Staatssicherheit ausgeliefert.

Einzelzellen und ein eigener Isolationstrakt, spezielle Arbeitszellen für Einzelpersonen und separierte Gefängnishöfe bildeten das äußere System der totalen Isolation. Häftlingen drohte die Arrestzelle mit wegschließbarer Toilette. Die Häftlinge in »Bautzen II« wurden systematisch ihrer Persönlichkeit beraubt. Vielen Gefangenen war jeglicher Kontakt zur Außenwelt verboten.

Isolation war Haftprinzip in »Bautzen II«. Zellenfenster wurden bis auf einen kleinen Schlitz zugemauert, wobei es weder Tisch noch Stuhl oder eine Pritsche in den 2,50 Meter mal 1,50 Meter kleinen, nicht beheizbaren Zellen gab. An der Zimmerdecke war eine Lampe angebracht, die alle halbe Stunde eingeschaltet wurde, wenn die Aufseher die Zellen durch einen »Spion« kontrollierten. Zweimal am Tag wurde ein Notdurftkübel in den Raum gestellt, am Abend eine Holzpritsche in die Zelle gegeben. Gefangene im Stasi-Knast »Bautzen II« durften unaufgefordert weder sprechen noch singen, nicht pfeifen. Schreibsachen in der Zelle waren zumindest bis in die siebziger Jahre hinein weitgehend verboten.

Zur Überwachung der Häftlinge setzte das MfS versteckte Kameras und Mikrophone sogar im Isolationstrakt ein. Hinter Putz und mehreren Farbschichten versteckt, wurden auf diese Weise die seltenen Gespräche der Häftlinge in der sogenannten »Verbotenen Zone« kontrolliert. Verbindungsoffiziere des MfS überwachten das Personal, den Haftalltag sowie die Außenkontakte der Gefangenen. In der MfS-Kreisdienststelle, die sich in unmittelbarer Nähe zum Gefängnistrakt befand, konnten die verwanzten Zellen und Besprechungsräume abgehört werden. Zur Überwachung setzte die Stasi Spitzel beim Gefängnispersonal wie auch unter den Inhaftierten ein.

In »Bautzen II«, wo auf zwei Gefangene ein Bediensteter kam, wurden zahlreiche Prominente in Haft gehalten: vom ersten Außenminister der DDR, Georg Dertinger, über den Schriftsteller Erich Loest bis zu den Opfern der politischen Säuberung von 1956 wie Walter Janka und Wolfgang Harich. Für Rudolf Bahro, den profiliertesten Dissidenten und intellektuellen Kopf der DDR-Opposition, wurde 1979 ein eigener Isolationstrakt hergerichtet.

Im öffentlichen Bewußtsein wurde zwischen »Bautzen« I und II vielfach nicht unterschieden; teilweise war es in der Öffentlichkeit nicht bekannt, daß es in Bautzen zwei verschiedene Strafvollzugseinrichtungen gab. Bis zum Jahr 1989 waren insgesamt 2.350 Gefangene in »Bautzen II« inhaftiert. Mit der friedlichen Revolution und der Absetzung von Honecker und Mielke stellte die Stasi ihre Arbeit im Gefängnis ein. Von Oktober bis Dezember 1989 wurden die politischen Gefangenen durch die neue DDR-Regierung amnestiert. Zwischen 1990 und 1992 diente »Bautzen II« als Außenstelle der JVA Bautzen dem neugeschaffenen Justizministerium des Freistaates Sachsen. Im Januar 1992 wurde die Anstalt endgültig geschlossen. Die Stiftung Sächsische Gedenkstätten übernahm mit ihrer Gründung im Februar 1994 den Auf- und Ausbau der Gedenkstätte Bautzen.

Literatur

  • Gedenkstätte Bautzen (Hrsg.): Der historische Ort. Stasi-Gefängnis Bautzen II. Die Ortsstelen in der Gedenkstätte Bautzen, Bautzen 2005.
  • Karl Wilhelm Fricke; Silke Klewin: Bautzen II. Sonderhaftanstalt unter MfS-Kontrolle 1956 bis 1989. Bericht und Dokumentation, Dresden 2007.
  • Wege nach Bautzen II. Biographische und autobiographische Porträts, eingeleitet von Silke Klewin und Kirsten Wenzel, Dresden 1999.
Der Artikel wurde von Arvid Jakobson verfaßt.