Rudolf Bahro

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Bahro, Rudolf,
geb. 18. November 1935 Bad Flinsberg,
gest. 5. Dezember 1997 Berlin.
Rudolf Bahro, 1996

Bahro war der bekannteste kommunistische Dissident der DDR und trat seit den achtziger Jahren als Vordenker einer ökologischen Wende hervor.

Die Flucht führte den Sohn eines landwirtschaftlichen Inspektors über Umwege aus der schlesischen Heimat in das brandenburgische Fürstenberg (heute Eisenhüttenstadt). Bahro wurde noch während der Schulzeit Kandidat der SED, 1954 Mitglied. Er studierte nach dem Abitur in Berlin Philosophie und schloß das Studium mit einer Diplomarbeit zum Thema »Johannes R. Becher und das Verhältnis der deutschen Arbeiterklasse und ihrer Partei zur nationalen Frage« ab. Anschließend unterstützte er die Kollektivierung der Landwirtschaft und bekleidete verschiedene Funktionärsposten. Nachdem er bereits 1967 gemaßregelt worden war und sich »in der Produktion« bewähren mußte, zwangen ihn die Ereignisse in der damaligen Tschechoslowakei (1968) zum Umdenken.

Das Resultat war sein 1977 erschienenes Buch Die Alternative, das er neben der Arbeit und der (auf Betreiben der Staatssicherheit) abgelehnten Dissertation geschrieben hatte. Mit seiner Analyse des real existierenden Sozialismus wollte er der DDR-Führung helfen, auf den rechten Weg zu finden, weil es Bahros Meinung nach zum Kommunismus keine Alternative geben konnte. Es ging ihm um die Zukunftsfähigkeit des Kommunismus, die er als gegeben sah. Trotz der völlig veränderten Weltlage bleibt das Buch in vielen Passagen aktuell, weil es im Kern um die Frage nach dem Verhältnis der Freiheit des einzelnen zur Notwendigkeit der Gesellschaft geht. Diese sah Bahro im Sozialismus als zu schwach ausgebildet an, so daß keine Innovation mehr erfolgen konnte und die Menschen sich vom DDR-System innerlich distanzierten.

Bahros Buch erschien illegal in der Bundesrepublik. Bahro wurde daraufhin verhaftet und wegen Geheimnisverrats zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Westen wurde das Buch ein Bestseller, und Bahros Verurteilung löste eine weltweite Protestwelle aus. Im Zuge einer Amnestie kam Bahro 1979 frei und durfte in die Bundesrepublik ausreisen. Hier fand Bahro Anschluß bei den sich gerade formierenden Grünen. Er warb dort, immer noch als Kommunist, für einen Schulterschluß mit völkischen und konservativen Grünen wie Baldur Springmann oder Herbert Gruhl, die von Beginn an auf verlorenem Posten standen. Auch Bahro, der zeitweise im Bundesvorstand der Grünen war, verließ die Partei bald wieder. Im Gegensatz zu den Grünen, die für grüne Reformen (die man in einer Koalition mit der SPD erreichen wollte) eintraten, wollte Bahro die ökologische Wende, die vor allem eine Abkehr vom Emanzipationsdenken bedeuten sollte.

»Ich halte die Frage nach dem Positiven, das vielleicht in der Nazi-Bewegung verlarvt war und dann immer gründlicher pervertiert wurde, für eine aufklärerische Notwendigkeit, weil wir sonst von den Wurzeln abgeschnitten bleiben, aus denen jetzt Rettendes erwachsen könnte.«

»Der außerordentliche Parteitag der SED hat in der Dynamohalle seine am vergangenen Wochenende unterbrochene Beratung fortgesetzt. Im Auditorium als Gast auch der wieder eingebürgerte Philosoph Rudolf Bahro.« (Dezember 1989)

Bahro, der die Grünen auf dem Weg zur Systempartei sah, dachte die ökologische Idee als Einzelgänger weiter und widmete sich den »Grundlagen ökologischer Politik «. In dem Buch Logik der Rettung (1987) wandte er sich gegen die Abwertung der deutschen Vergangenheit und sah durch die Vergangenheitsbewältigung, die nicht bereit war, historische Ereignisse differenziert zu betrachten, Deutschlands Zukunftsfähigkeit gefährdet. Ökologische Politik sei, so Bahro, Ordnungspolitik, die auf Einsicht und damit Bewußtseinsänderung basiere. Sein Ruf nach einem »Fürsten der ökologischen Wende« machte deutlich, daß diese Wende nicht mit demokratischen Mitteln herbeizuführen war.

Aus diesen und ähnlichen Aussagen folgte die Verunglimpfung Bahros als Ökofaschist. Der Vorwurf wurde vereinzelt von konservativer, mehrheitlich aber von linker Seite erhoben, obwohl oder gerade weil sich Bahro selbst immer noch als Linken sah. Von diesen Debatten wurden seine letzten Lebensjahre überschattet.

Bahro war nach der politischen Wende in der DDR sofort nach Berlin gereist und glaubte zunächst an eine Zweistaatenlösung mit einer reformierten DDR, sah aber gleichzeitig, daß die »antifaschistischen Analysen« überholt waren und Antworten auf die neue Situation eher bei »Heidegger, C. G. Jung, Ernst Jünger und Carl Schmitt« zu finden seien. Noch vor der Wiedervereinigung erhielt Bahro die Möglichkeit, an der Humboldt-Universität zu Berlin ein Institut für Sozialökologie einzurichten, an dem er bis zu seinem Tod lehrte. Seine Vorlesungen waren als Studium generale allen Interessierten zugänglich. Bis heute besteht das »Lebens-Gut Pommritz«, eine sächsische Kommune, deren Gründung Bahro mit Unterstützung des damaligen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf anregte.

Schriften

  • Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus, Köln/Frankfurt a. M. 1977.
  • … die nicht mit den Wölfen heulen. Das Beispiel Beethoven und sieben Gedichte, Köln/Frankfurt a. M. 1979.
  • Logik der Rettung. Wer kann die Apokalypse aufhalten? Ein Versuch über die Grundlagen ökologischer Politik, Stuttgart/Wien 1987.
  • Rückkehr. Die In-Weltkrise als Ursprung der Weltzerstörung, Frankfurt a. M./Berlin 1991.
  • Bleibt mir der Erde treu! Apokalypse oder Geist einer neuen Zeit? Essays – Vorlesungen – Skizzen, Berlin 1995.

Literatur

  • Guntolf Herzberg/Kurt Seifert: Rudolf Bahro. Glaube an das Veränderbare, Berlin 2002 (erw. Taschenbuchausgabe, Berlin 2005).
  • Guntolf Herzberg (Hrsg.): Rudolf Bahro. Denker – Warner – Reformator, Berlin 2007.
Der Artikel wurde von Erik Lehnert verfaßt.