Wolfgang Brezinka

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Brezinka, Wolfgang,
geb. 9. Juni 1928 Berlin.
Prof. Dr. Wolfgang Brezinka, 2011

Brezinka stammt aus einer Berliner Familie, die stark durch den Diaspora-Katholizismus geprägt war; die christliche Herkunft hat auch später sein Denken nachhaltig bestimmt. Er studierte nach dem Zweiten Weltkrieg an den Universitäten Salzburg und Innsbruck Psychologie, Pädagogik, Philosophie und Staatswissenschaften. Ursprünglich dachte er an eine Tätigkeit im Bereich der Sozial- und Heilerziehung, entschloß sich aber nach der Promotion 1951 zu einer akademischen Laufbahn. Brezinka habilitierte sich an der Universität Innsbruck und hat in der Folgezeit dort sowie in Würzburg und zuletzt seit 1967 in Konstanz erziehungswissenschaftliche Lehrstühle innegehabt. Aus seiner Feder sind mehr als zwanzig Bücher erschienen; nach seiner Emeritierung 1997 hat er noch drei Bände zur Geschichte des Erziehungswesens in Österreich von enzyklopädischem Format veröffentlicht.

Wenn Brezinka trotz der hohen Auflagen, die seine Bücher erreichten, und trotz der Anerkennung, die seine Arbeiten im Ausland fanden (es gibt Übersetzungen in fünfzehn Sprachen), in Deutschland als bête noire seines Faches gilt, so hat das im wesentlichen zwei Gründe: Zum einen tragen ihm einflußreiche Kollegen nach, daß er ’68 nicht mitgemacht hat, und zum zweiten können sie ihm nicht verzeihen, daß er mit seinen Diagnosen und seinen Prognosen regelmäßig recht behielt.

Brezinka hatte schon 1972 einen schmalen Band mit dem Titel Die Pädagogik der Neuen Linken veröffentlicht, eine scharfe Abrechnung mit seinen Gegnern in der Erziehungswissenschaft. Er betrachtete die Machtübernahme der Linken in dieser Disziplin nicht als isoliertes Phänomen, sondern als Folge eines Verblendungszusammenhangs. Das falsche Menschenbild, die falsche Gesellschaftsanalyse des Marxismus und des Anarchismus und die falsche Aufgabenbestimmung der Pädagogik führten letztlich dahin, daß die »Gesellschaft … sich durch radikalen Zweifel an allen ihren Werten selbst zerstört …, ohne daß von außen Gewalt angewendet worden ist«.

Brezinka gehörte Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre zu der ganz kleinen Zahl von Pädagogen, die sich zum Widerstand entschlossen. Man konnte seine Positionsbestimmung aber nicht als restaurativ bezeichnen, er wußte, daß die »Empfänglichkeit für die pädagogischen Ideen der Neuen Linken … neben anderen Gründen auch auf schlechte Erfahrungen mit den vorhandenen Erziehungseinrichtungen und der erlebten Erziehungspraxis« zurückzuführen waren. In einer autobiographischen Aufzeichnung hat er deutlich die Mängel der älteren Pädagogik hervorgehoben, die nie aus dem Schatten der Philosophie herausgetreten oder den Anforderungen des Schulbetriebs entkommen war. Seine eigene Konzeption des Fachs sah deshalb neben der klassischen »Philosophie der Erziehung« und der »Praktischen Pädagogik« ausdrücklich eine »Erziehungswissenschaft« vor, die, von empirischen Daten ausgehend, theoretische Feststellungen über Methoden und Ziele zu treffen habe. Anders als die Masse seiner Kollegen wollte er aber Wertungen – die in der Philosophie der Erziehung wie in der Praktischen Pädagogik ihren selbstverständlichen Platz besitzen – aus der Erziehungswissenschaft heraushalten. Die damit einhergehende Betonung kritischer Rationalität (im Sinne Karl Poppers) gehörte in den siebziger Jahren zum Habitus vieler (Neo-)Konservativer, zu deren wichtigsten Vertretern man Brezinka zählen darf.

»Jede Krise der Wertorientierung bewirkt auch eine Erziehungskrise. Unsicherheit beim Werten führt auch zur Unsicherheit beim Erziehen. Eine wertunsichere Gesellschaft ist auch eine erziehungsunsichere Gesellschaft.«

Brezinka verficht eine »Praktische Pädagogik des ›aufgeklärten Konservatismus‹«. Als deren Zentrum betrachtet er die Rehabilitierung der Tugend, die allein Erziehung zur »Lebenstüchtigkeit« verbürge. Auch die Frage, was das in concreto bedeutet, hat Brezinka nicht unbeantwortet gelassen: Erziehung muß sich der konkreten Daseinsordnung vergewissern, in der sie stattfindet, das heißt, sie ist bestimmt durch Kultur, Nation und Religion, die ihren Rahmen bilden. Lebenstüchtigkeit gibt es nicht an sich und auch nicht in bezug auf einen phantasierten Zukunftsentwurf, sondern nur in der Annahme eines Kontinuums, das das Gestern, das Heute und das Morgen sinnvoll verbindet.

Schriften

  • Von der Pädagogik zur Erziehungswissenschaft. Eine Einführung in die Metatheorie der Erziehung, Weinheim 1971.
  • Die Pädagogik der Neuen Linken. Analyse und Kritik, Stuttgart 1972.
  • Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft. Analyse, Kritik, Vorschläge, München/Basel 1974.
  • Erziehungsziele, Erziehungsmittel, Erziehungserfolg. Beiträge zu einem System der Erziehungswissenschaft, München/Basel 1976.
  • Erziehungsziele in der Gegenwart. Problematik und Aufgaben für Familien und Schulen, Donauwörth 1984.
  • Erziehung in einer wertunsicheren Gesellschaft. Beiträge zur praktischen Pädagogik, München/Basel 1985.
  • Gesammelte Werke, 10 Bde. auf CD-ROM, München 2007.

Literatur

  • Siegfried Uhl (Hrsg.): Wolfgang Brezinka. 50 Jahre erlebte Pädagogik, München/Basel 1997.
Der Artikel wurde von Karlheinz Weißmann verfaßt.