Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege

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Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege.
Hans-Jürgen Syberberg, München: Matthes & Seitz 1990.
Hans-Jürgen Syberberg, 2004

Unter den Regisseuren des »Neuen Deutschen Films« war Hans-Jürgen Syberberg stets eher ein Außenseiter gewesen. Diese Distanz äußerte sich bald auch in politischer Hinsicht – schon in seinem Film Hitler, ein Film aus Deutschland (1977) polemisierte Syberberg scharf gegen den linksdominierten Kulturbetrieb seiner Zeit. In dem gleichnamigen Buch zum Film (1978) beklagte er den Verlust des »schöpferischen Irrationalismus« der Deutschen, jenes »kranke Volk ohne Identität «, das in einem »seelisch enterbten und enteigneten« Land »ohne Heimat« lebt.

Pünktlich zur sich anbahnenden deutschen Einheit erschien 1990 der Band Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege, eine Sammlung verstreuter Aufzeichnungen, die bereits Monate vor dem November 1989 begonnen worden waren. Schon die Bildbeigaben und Motti signalisierten ein klares Bekenntnis zu preußischen Traditionen, etwa Zitate von Clausewitz und König Friedrich II., Zeichnungen von Adolph Menzel und ein Foto des zerstörten Berliner Stadtschlosses, sekundiert von einem Satz von Ernst Jünger: »Wo Bilder fallen, müssen sie durch Bilder ersetzt werden, sonst droht Verlust.« Theoretisch von dem Kunsthistoriker Hans Sedlmayr und seinem Buch Verlust der Mitte beeinflußt, sah Syberberg einen engen Zusammenhang zwischen dem Verfall des Transzendenzcharakters der Kunst und der deutschen Selbstaufgabe und -demontage des Eigenen nach 1945.

Dem Fall des politischen Marxismus in Osteuropa muß auch der Fall der kulturellen und intellektuellen Linken im Westen folgen, den Verwaltern der »Nachkriegs- « und »Siegerästhetik«, die den Weg geebnet hätten für »multikulturelle Beliebigkeit«, für eine Konsum- und Wegwerfkultur und eine miserabilistische Kunstauffassung: »Das auffälligste Kriterium der heutigen Kunst ist die Bevorzugung des Kleinen, Niedrigen, der Verkrüppelung, des Kranken, des Schmutzes vor dem Glanz …« Unter diesem »Häßlichkeitsgebot « und »Ästhetisierungstabu « wurden der Kunst die Aura, der Mythos und das Tragische ausgetrieben, damit aber auch ihre heilende Kraft der Klage und der reinigenden Katharsis. Unbesungen etwa war der Untergang des deutschen Ostens, »Stoff für Jahrhunderte eines Homer, der Ilias und Äneis … Nur höchste Anstrengung kann antworten, der Poesie und Gedichte, der Trauer, die uns braucht.« Die Deutschen hatten nie gelernt, über das »Elend ihrer Verluste« im letzten Jahrhundert angemessen zu trauern. Statt dessen herrscht eine »verantwortungslose Gesellschaft« in einem »Mafiasystem demokratischer Lebenslügen «, dominiert von einer »Kaste der Meinungswächter«: »Alle selbsterklärten Prinzipien der Meinungsvielfalt, der Experimentierfreudigkeit, der Information werden sofort verraten, wenn der Konsensus in Gefahr ist, von dem sie leben, zum Beispiel dieser Ästhetik seit 1945.« Syberberg benennt den Nexus zwischen dieser Kultur des deutschen Selbsthasses, des »Klageverbots«, der Ästhetik des Gemeinen und dem Status der Deutschen als besiegtes, gekauftes und vergewaltigtes Volk unter dem Banner der re-education, wenn er beschreibt, wie die Schuld zum »phantasietötenden Geschäft« wurde.

»Was auch die Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege jagte, war der Fluch der Schuld, die sich als Werkzeug der Einschüchterung von links anbot, da sich die Linken als schuldfrei verstanden und weil Hitler die Juden verfolgt hatte, nun in unseliger Allianz einer jüdisch linken Ästhetik gegen die Schuldigen bis zur Langeweile und alles kulturelle Leben lähmenden Lügen, so daß die Schuld zum phantasietötenden Geschäft werden konnte …«

Diejenigen innerhalb des »inzestuösen « Meinungsestablishments, die sich von derlei Ausführungen angesprochen fühlen durften, reagierten auch prompt mit all jenen Diffamierungs- und Ächtungsstrategien, die Syberberg beschreibt. Hier hatte sich nicht irgendjemand mit offenem Visier gegen die Kulturlinke gestellt, sondern ein international (vor allem in Frankreich und den USA) bewunderter Künstler und Avantgardist, der selbst lange genug jenes Klüngel- und Anpassungsspielchen mitgemacht hatte, das er nun anprangerte. Trotz mancher Längen, Redundanzen und stilistisch allzu waghalsigen Passagen ist Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege eine Fundgrube von inspirierenden Betrachtungen, eine fulminante Verteidigungsschrift für die Würde der Kunst und gegen die Schmähung des nationalen Erbes, sowie das Dokument einer furchtlosen Sezession von einem unfruchtbar und verlogen gewordenen Mainstream. Vieles darin nahm Passagen des drei Jahre später erschienenen Essays Anschwellender Bocksgesang von Botho Strauß voraus; Syberberg wurde zu einer bedeutenden Leitfigur für die intellektuelle neue Rechte der Postwende-Zeit der neunziger Jahre.

Literatur

  • Martin Lichtmesz: In der Höhle der Erinnerung. Autorenportrait Syberberg, in: Sezession (2009), Heft 32.
Der Artikel wurde von Martin Lichtmesz verfaßt.