Scholien zu einem inbegriffenen Text

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Scholien zu einem inbegriffenen Text (span. Escolios a un texto implícito, 2 Bde., Bogotá 1979).
Nicolás Gómez Dávila, Wien: Karolinger 2006.

Das Werk des kolumbianischen Denkers Nicolás Gómez Dávila besteht ganz überwiegend aus Aphorismen, die er Glossen bzw. Scholien nennt. Er spielt damit auf die Praxis antiker Philologen an, Texte mit erläuternden Randbemerkungen zu versehen. Dieser zu erläuternde Text erscheint bei Gómez Dávila nur in »impliziter« Form, die Glossen werden damit zum Haupttext. Eine äußere Ordnung der Aphorismen ist nicht erkennbar; vielmehr folgt das Buch einer konzentrischen Struktur, in der gleiche oder ähnliche Gedanken an verschiedenen Stellen wieder auftauchen. Die Aphorismen Gómez Dávilas zeichnen sich durch große Verknappung, geistigen Scharfsinn und zugespitzte Charakterisierungen aus.

Das Buch enthält keine direkten Leseanweisungen, sondern nur indirekte durch eine Reihe Motti von Diogenes Laertius bis zu Nietzsche, die in den Originalsprachen zitiert werden – bereits das ein Indiz für die Emphase, mit der Gómez Dávila die klassische Bildung zum Gegenstand seiner Reflexion und zur Vorbedingung jeder ernstzunehmenden Geisteskultur macht. Die aphoristischen Glossen verweisen in ihrem fragmentarischen Charakter darauf, daß sich die Wirklichkeit der Welt nicht in Form eines Systems einfangen läßt, sondern nur je und je an konkreten Fällen aufgezeigt werden kann. Gómez Dávila entwickelt die Glosse zur Kunstform des Verführens und Versuchens zum Denken über die dunklen Stellen, die eben noch im Lichte der fortschrittlichen Aufklärung hell, klar und distinkt erschienen waren. Das Fragment gilt Gómez Dávila daher als Ausdruck rechtschaffenen Denkens, das den Schleier der (Selbst-)Täuschungen zerreißt.

Inhaltlich ist sein Aphorismenwerk bedeutsam durch die Einkreisung eines reaktionären Welt- und Menschenbildes. Der Begriff »reaktionär« wird von Gómez Dávila im Gegensatz zur tagespolitischen Praxis nicht pejorativ oder kritisch verwendet, sondern affirmativ. Damit markiert Gómez Dávila bereits seine radikale Ablehnung der politischen Üblichkeiten, aber auch des abstrakten Theoretisierens: reaktionäres Denken ist konkretes Denken. Die moderne Welt, gegen die sich der Autor mittels seiner rhetorischen Speerspitzen wendet, gilt ihm als zutiefst verworfen und daher kritikwürdig. Allerdings betrachtet er sie nicht als endgültiges Verhängnis, da es geheime Waffenarsenale dagegen gebe, die Gómez Dávila, so wird man sagen dürfen, in seinem Werk zur Verfügung zu stellen sucht. Er versucht, dazu beizutragen, daß die Ansprüche der Seele auf Schönheit nicht verjähren und polemisiert z. B. gegen jene Seelen, »die spontan gegen jeden Schatten der Schönheit anbellen«.

»Um bei dem Linken Anstoß zu erregen, reicht es, die Wahrheit zu sagen.«

Gómez Dávila greift die moderne Welt und ihre sittliche, vor allem aber auch ästhetische Verkommenheit mit scharfen Spitzen an und beharrt gegen jede Form des postmodernen Liberalismus auf der Existenz geistiger und ästhetischer Rangunterschiede. Seine Bastion bei diesen Attacken ist ein unbedingt auf Gott vertrauender Katholizismus, der allerdings durch die Errungenschaften der antiken Philosophie angereichert ist. Das Denken Gómez Dávilas ist von starken theologischen Impulsen getragen – immer wieder reflektiert er die Aufweichungserscheinungen des traditionellen Christentums in der Moderne mit ätzender Schärfe – innerhalb wie außerhalb der Kirche. So verfällt etwa der Pelagianismus, die auf der Leugnung der Erbsünde beruhende Vorstellung, der Mensch könne sich selbst erlösen, seiner ätzenden Kritik. Auch Gómez Dávilas deutliche Kritik der Demokratie beruht auf theologischen Voraussetzungen. Gómez Dávila ist ein Denker der Freiheit, der die widerstreitenden Kräfte der Gesellschaft und der Triebe als Garantie unserer Freiheit sieht. Er ist daher weit entfernt von einem Freiheitsfanatismus, der seiner Auffassung nach in einem Polizeistaat endet.

Im Bereich des Geisteslebens hält er ernüchtert fest, daß die Philosophie an den Universitäten nur überwintert; der Kampf gegen die Dummheit ist ein zentraler und wiederkehrender Aspekt der modernitätskritischen Intention Gómez Dávilas. Dazu gehört auch eine Form der Sprachkritik, die das Denken vor Fallstricken bewahren soll: »Wer das Vokabular des Feindes akzeptiert«, so heißt es einmal, »ergibt sich ohne sein Wissen. Bevor die Urteile in den Sätzen explizit werden, sind sie implizit in den Wörtern.« Moderne Erziehung, so die sarkastische These Gómez Dávilas, übergibt der Propaganda intakte Gehirne.

Konservativ ist Gómez Dávilas Wertschätzung der Gemeinplätze, in denen eine uralte Weisheit enthalten ist, die man nicht ungestraft in den Wind schlägt. Gegen die Gehirnerweichung, die nach Gómez Dávila vor allem mit dem linken Denken einhergeht, setzt der reaktionäre Aphoristiker kristallklar und steinhart formulierte Sätze, die ihre Leser in eine geistige Distanz zur modernen Welt bringen sollen. Impliziter Bezugspunkt für Gómez Dávilas schriftstellerisches Schaffen ist daher »eine Wahrheit, die nicht stirbt«, als deren Vermittler sich der Autor sieht. Diese Wahrheit erschließt sich durch die konzentrische Lektüre seiner Aphorismen, die zunächst in einer Auswahl unter dem Titel Einsamkeiten. Glossen und Text in einem (1987) erschienen und lange als Geheimtip gehandelt wurden, dann aber u. a. durch das Engagement von Schriftstellern wie Martin Mosebach, Botho Strauß oder Michael Klonovsky größere Verbreitung fanden; so etwa auch in Frankreich, Italien und Polen. Gómez Dávilas Texte richten sich an das »Häuflein der versprengten Einzelnen« (Botho Strauß), in dem die Unzeitgemäßheit eines Denkens weiterlebt, das sich den Blick auf die Wirklichkeit nicht von gängigen Modetheorien verstellen läßt. Der Reaktionär im Sinne Gómez Dávilas mag daher tatsächlich, wie Botho Strauß sagt, »der letzte Phantast in einer kompletten Fantasy-World« sein.

Ausgabe

Literatur

  • Till Kinzel: Nicolás Gómez Dávila. Parteigänger verlorener Sachen, Schnellroda 2006.
  • Alfredo Abad Torres: Pensar lo implícito. En torno a Gómez Dávila, Pereira 2008.
  • Franco Volpi: Nicolás Gómez Dávila. El solitario de dios, Bogotá 2005.
Der Artikel wurde von Till Kinzel verfaßt.