Revolte gegen die moderne Welt

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Revolte gegen die moderne Welt (ital. Rivolta contro il mondo moderno, Mailand 1934; dt. zuerst Erhebung wider die moderne Welt, Stuttgart 1935).
Julius Evola, Interlaken: Ansata 1982.

Als junger Mann hatte Julius Evola sich zum »absoluten Individualismus« bekannt und aktiv an den Bewegungen des künstlerischen Modernismus, am Futurismus und erst recht am Dadaismus, mitgewirkt. 1934 veröffentlichte er seine Kriegserklärung an die Moderne. Die Stoßrichtung dieses Angriffs ist weder soziologisch noch wirklich politisch, vielmehr entspringt er aus einer Metaphysik der Geschichte. Evola sieht sämtliche Defekte der modernen Welt als logische Folgen eines allmählichen Verfallsprozesses, dessen Ursprung mindestens zweieinhalbtausend Jahre zurückliegt. Der Anbruch der Moderne hat ihn lediglich beschleunigt; mit ihr ist das Ende des großen Zyklus erreicht und alle Transzendenz aus der Lebenswelt verschwunden.

Die Geschichte ist für Evola ein rückläufiger, ein Prozeß der Dekadenz, der mit der Moderne seinen Tiefpunkt erreicht hat. An seinem Ende bleiben nur die ökonomischen Werte, die die »Herrschaft der Masse« charakterisieren und deren Verfechter nun die Macht übernommen haben. Alles Geistige, Mannhafte, Heroische verkümmert, das »Licht des Nordens« verlischt, während allerorten die zersetzenden Werte der »gynokratischen« Kulturen des Südens um sich greifen.

Evolas Geschichtsbild beruht zum einen auf einer hierarchisch-dualistischen räumlichen Struktur, einem rigorosen Gegensatz zwischen dem, was »oben«, und dem, was »unten« ist; zum anderen auf einer zeitlichen Struktur, dem Gegensatz zwischen fernem Ursprung und Gegenwart. Der Schlüsselgedanke ist, daß Höheres niemals aus Minderwertigem, Mehr niemals aus Weniger hervorgehen kann – aus diesem Grund lehnte Evola auch den Darwinismus ab. Das »Höhere« ist für Evola gleichbedeutend mit dem maskulinen Prinzip, mit Elite, tätiger Unpersönlichkeit, Geist, Staat, Form, Qualität. Als »minderwertig« gelten ihm das feminine Prinzip, Masse, Gefühle, Seele, Volk, Demokratie, Stoff, Menge. Die Moderne ist somit nicht nur der Triumph des bürgerlichen Individualismus, sondern auch der Triebe, Instinkte und unterschiedslosen Leidenschaften, der seelischen über die geistige Domäne, das Reich der »apollinischen« Klarheit und der Rationalität.

Evola, der sich zeit seines Lebens für die orientalischen Traditionen ebenso wie für die Symbolik und die Esoterik interessierte, glaubte an eine gemeinsame Tradition aller Kulturen des Altertums, die sich durch ihr »heroisches und kriegerisches« Wesen auszeichnete (in diesem Punkt wiederum unterscheidet er sich radikal von dem anderen Schulhaupt der Traditionalisten, René Guénon, der sich weigerte, im Königtum ein ähnliches Prinzip der geistigen Würde verkörpert zu sehen wie im Priestertum), und er glaubte an die Macht »solarer« Kräfte. Auf dieser Grundlage sieht er einen ewigen Kampf zwischen den Kräften der Sonne und des Mondes um die Vorherrschaft über die Geschichte. Diesen Kampf setzt er mit dem, seiner Meinung nach fundamentalen, Gegensatz zwischen maskulinem und femininem Prinzip gleich. Alles folgt also aus diesem Gegensatz, der die geschichtliche wie die politische Domäne umfaßt: der Kampf der Eliten gegen die Masse, des Reichs gegen die Nation, des Staats gegen das Volk, des Politischen gegen das Wirtschaftliche und Soziale.

Zwar basiert Evolas Geschichtsverständnis auf einem zyklischen statt auf einem linearen Weltbild; in seiner Struktur jedoch unterscheidet es sich nicht von der Ideologie des Fortschritts – vielmehr setzt es sie voraus. Evola verkehrt sie lediglich in ihr Gegenteil: Überall, wo die Anhänger der Fortschrittsideologie optimistisch von Verbesserung sprechen, sieht Evola Verschlechterung. Den Fortschritt gibt es durchaus: nämlich den fortschreitenden Verfall.

Im ersten Teil seiner Revolte (»Die Welt der Tradition«) entwirft Evola eine Doktrin fundamentaler Kategorien der traditionellen Welt: göttliches Königtum, Frieden und Gerechtigkeit, Staat und Reich, Ritus, Initiation und Heiligtum, Krieg usw. Der zweite Teil (»Entstehung und Antlitz der modernen Welt«) legt die traditionale Doktrin historischer Zyklen dar und entwickelt davon ausgehend eine Metaphysik der Geschichte. Evola beleuchtet die Merkmale der modernen Welt und jene der traditionellen Gesellschaften und geht dabei u. a. auf Fragen der Politik, des Rechts, des Aufstiegs und Untergangs von Reichen, der Kirchengeschichte, der gesellschaftlichen Institutionen, der Beziehungen zwischen den Geschlechtern ein.

»Liberalismus, dann Demokratie, dann Sozialismus, Radikalismus, schließlich Kommunismus und Bolschewismus sind nur als unterschiedliche Grade ein und desselben Übels in die Geschichte gekommen, als Stadien, die dem jeweils nächsten den Weg bereiten und zusammen einen Verfallsprozeß bezeichnen.«

Revolte gegen die moderne Welt gilt allgemein als Evolas bedeutendstes Werk, als dasjenige, in dem sein Weltbild am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Es wurde schon 1935 (Stuttgart: DVA) mit einigen Änderungen als Erhebung wider die moderne Welt ins Deutsche übersetzt und machte großen Eindruck auf Gottfried Benn. Evola selber reiste 1934 erstmals nach Deutschland. Seine Beziehungen zum Umfeld der Konservativen Revolution, insbesondere zum Berliner Herrenklub, wo er auf Einladung Heinrich von Gleichens sprach, waren nicht frei von Mißverständnissen. Das nationalsozialistische Regime, dessen »biologischer Rassismus« und »plebejischer« Charakter ihm mißfielen, erwiderte seine Abneigung.

Ausgabe

  • 4. Auflage, neue Übersetzung der 3., von letzter Hand verbesserten Ausgabe (Rom 1969), Engerda: Arun 2002.

Literatur

  • Christophe Boutin: Politique et Tradition. Julius Evola dans le siècle, Paris 1992.
  • H. T. Hansen: Julius Evola und die deutsche Konservative Revolution, in: Criticón (1998), Heft 158.
Der Artikel wurde von Alain de Benoist verfaßt.