Rationalismus in der Politik

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Rationalismus in der Politik (engl. Rationalism in Politics and other Essays, London 1962).
Michael Oakeshott, Neuwied: Luchterhand 1966.
Michael Oakeshott in den 1960er Jahren

Die gedankenreichen und scharfsinnigen Essays des englischen politischen Philosophen Michael Oakeshott gehören zu den bedeutendsten Beiträgen zur Philosophie des Konservatismus. Rationalismus in der Politik versammelt die wichtigsten, meist erstaunlich unakademischen Publikationen Oakeshotts aus den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, darunter auch seine klassische Antrittsvorlesung an der London School of Economics, die für Aufsehen sorgte.

Sie stellen eine bedeutende Kritik an dem Irrglauben der Planbarkeit gesellschaftlicher Entwicklungen dar, der im 20. Jahrhundert in vieler Hinsicht das Feld bestimmte. »Rationalismus« war für Oakeshott jene Ideologie, die sich im Glauben wähnte, Politik könne gewissermaßen den »Turm zu Babel« errichten, indem angeblich irrationale Elemente des Daseins ausgeschaltet werden. Dies traf nach Oakeshott keineswegs nur auf den Sozialismus zu, der zweifellos das Paradebeispiel für die Ideologie der Planbarkeit darstellt. Oakeshotts Charakteristik des »Rationalisten« als Typus war von satirischer Treffsicherheit; seine realistische Einsicht in die Grenzen der Politik wirkten im weithin sozialistisch geprägten Klima des 20. Jahrhunderts befreiend. Denn Oakeshott scheute sich nicht, mit großer Selbstverständlichkeit konservative Grundeinsichten in Erinnerung zu rufen, die nach wie vor Gültigkeit beanspruchen dürfen.

Vor allem betonte Oakeshott den gelebten und nie völlig explizierbaren Kern einer Tradition, die das Leben eines Volkes prägt. Oakeshotts Konservatismus zeichnet sich durch eine Wertschätzung des Pluralismus aus, die ihn gegen alle totalitären und vereinheitlichenden Tendenzen Stellung beziehen ließ. Gegen die Vorherrschaft der Stimme der Wissenschaft oder der Politik verteidigte er auch das Recht und die Notwendigkeit der Kunst als einer Stimme im Gespräch der Menschheit, wie er in einem seiner bedeutendsten Essays ausführt. Kunst erscheint bei Oakeshott als widerständige Diskursform, die den Totalanspruch des Rationalismus in seiner politischen und szientistischen Form in die Schranken weist.

Oakeshotts feinfühlige Skizze der konservativen Wesensart (»On being conservative«) zeigt, daß der Konservative in einer bestimmten Weise denkt und sich verhält, daß er bestimmte Formen des Betragens anderen vorzieht und bestimmte Entscheidungen trifft. Oakeshotts Verständnis der konservativen Haltung enthält keine Idolisierung der Vergangenheit und dessen, was vorbei ist. Konservativ ist die Schätzung von etwas, das hier und jetzt existiert, weil es uns vertraut ist und wir daran hängen. Als Verhaltensdisposition kann Konservatismus daher nur existieren, wenn es ausreichende Gründe dafür gibt, sich an der Gegenwart zu erfreuen. Konservativ zu sein, bedeutet, das Vertraute dem Unbekannten vorzuziehen, das Bewährte dem Unbewährten, die Tatsache dem Mysterium, das tatsächlich Gegebene dem bloß Möglichen, das Begrenzte dem Unbegrenzten, das Nahe dem Fernen, das Ausreichende der Überfülle, das Praktische dem Perfekten und die Freude im Jetzt dem utopischen Heil.

»Das ist das Übel unserer Zeit: Die Rationalisten arbeiten schon so lange an ihrem Projekt, die sittlichen Ideale aus dem sie tragenden Zusammenhang zu destillieren, daß uns nur noch der trockene, körnige Bodensatz verbleibt, der uns die Kehle verstopft. Zuerst zerstören wir mit allen verfügbaren Mitteln die Autorität der Eltern (weil sie angeblich mißbraucht worden ist), dann beklagen wir gefühlvoll das Fehlen eines »guten Elternhauses«.«

Oakeshotts feines Gespür für die Lebenszusammenhänge, aus dem alle Formen der Praxis erwachsen, unterstreicht die Beschränktheit reduktionistischer Zugangsweisen zur menschlichen Wirklichkeit. So betont er, es bedeutet, nichts zu wissen, wenn man nur den Kern einer Sache kennt: »Nicht eine abstrakte Idee oder einige Kunstgriffe sind zu lernen, nicht einmal ein Ritus, sondern eine konkrete, in sich zusammenhängende Lebensweise in allen ihren Verzweigungen.«

Oakeshotts Form des Konservatismus betonte die Rolle des Staates zur Sicherung von Rechtsstaatlichkeit. Der Staat sollte nach Oakeshott die Einhaltung von Verhaltensregeln sanktionieren, nicht aber den Inhalt der geistigen Auseinandersetzungen unter den Rechtsgenossen, den Bürgern, steuern und bestimmen. Die Staatsfunktionen sollten auf das Wesentliche konzentriert werden, der Staat aber keinesfalls über Wahrheit und Irrtum befinden; die nötige Loyalität der Bürger wird durch die Gewährleistung des inneren Friedens erzeugt. Der Staat sollte sich als Schiedsrichter über die Rechtsregeln nicht selbst zum Mitspieler machen. Wenn sich Träume mit dem Regieren verbinden, entsteht daraus Tyrannei.

Oakeshotts skeptisches Politikdenken gab sich nicht der Hoffnung hin, große politische eränderungen bewirken zu können; bestenfalls kann es, so Oakeshott, dazu beitragen, chiefes Denken zu beseitigen und sich nicht mehr so häufig von unklaren Behauptungen nd irrelevanten Argumenten täuschen zu lassen. Oakeshotts Wirkung in der politischen hilosophie hält, verstärkt durch mehrere Nachlaßpublikationen, an. Rationalismus in der olitik bleibt der beste Zugang zu einem unvermindert aktuellen Werk.

Ausgabe

  • Maßgebliche englische Ausgabe (erweitert), Indianapolis: Liberty Fund 1991.

Literatur

  • Robert Grant: Oakeshott, London 1990.
  • Till Kinzel: Michael Oakeshott. Philosoph der Politik, Schnellroda 2007.
  • Edmund Neill: Michael Oakeshott, New York 2010.
Der Artikel wurde von Till Kinzel verfaßt.