Orthodoxie

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Orthodoxie (engl. Orthodoxy, London 1908).
Gilbert Keith Chesterton, München: Hyperion 1909.

Im 20. Jahrhundert gab es nur wenige, die den christlichen Glauben mit einer solchen geistreichen Verve verteidigten wie G. K. Chesterton, der neben C. S. Lewis der wohl erfolgreichste apologetische englische Autor des 20. Jahrhunderts ist. Chestertons freimütige Verteidigung nicht bloß der Vernünftigkeit der Religion, sondern der Orthodoxie als des richtigen Glaubens war gegen die Tendenzen des geistigen Relativismus gerichtet, die sich bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert zeigten.

»Es ist immer leicht, der Zeit ihren Willen zu lassen; die Schwierigkeit besteht darin, seinen eigenen Kopf zu bewahren.«

Chesterton liefert in dem nach eigener Aussage »chaotischen Buch« keinen Traktat zur Verteidigung des christlichen Glaubens an sich, sondern eine Apologia seines persönlichen Weges zum (katholischen) Christentum. Darin lehnt er sich ausdrücklich dem Modell an, das im Kontext der englischen Religionsgeschichte durch John Henry Kardinal Newman in seiner Apologia pro vita sua vorgegeben wurde.

Chesterton versteht Orthodoxie als positive Ergänzung zu seinem Buch Ketzer (1905), das eine negative Kritik der zeitgenössischen Philosophien und Weltanschauungen bietet. So ist er beispielsweise ein scharfer Gegner des Materialismus und Evolutionismus. Chesterton ist ein sprachgewaltiger Autor, der seine Leser durch ungewöhnliche und gewagte Bilder und Argumentationen zu beeindrucken sucht und einen beträchtlichen logischen Scharfsinn zur Anwendung bringt, aber auch vor (scheinbaren) Paradoxa nicht zurückschreckt. Die Religion ist nach Chesterton weit davon entfernt, ein Feind der Vernunft zu sein; in Wirklichkeit ist sie gerade die Garantie der Vernunft. Chestertons prononcierte Urteile stoßen direkt zum Kern der Sache vor, ohne um sie herumzureden. Er stellt beispielsweise fest, daß Nietzsche gewiß erkannt hätte, daß sein Denken Unsinn sei, wenn er es ohne Metaphern betrachten könnte. Wahnsinn wird von Chesterton definiert als der Gebrauch der Vernunft ohne einen Anker, also einer Vernunft im leeren Raum.

Chesterton spricht von der »Romanze der Orthodoxie«, denn die Orthodoxie ist keineswegs langweilig und vorhersagbar, sondern vielmehr so gefährlich oder aufregend wie nur irgend etwas. Dies aber ist wahrhaft vernünftig, und es ist wesentlich aufregender, vernünftig statt wahnsinnig zu sein. Die Schwankungen der Kirche in der Geschichte erklärt Chesterton aus der Notwendigkeit, schwere Entscheidungen zu treffen und alle möglichen Häresien abzuweisen, die zu akzeptieren für die Kirche deutlich bequemer gewesen wäre: »Es ist leicht, ein Verrückter zu sein: es ist leicht, ein Ketzer zu sein.« Die Vermeidung der Ketzereien bezeichnet er als ein schwindelerregendes Abenteuer. Chesterton ist von den zutiefst illiberalen Folgen einer theologischen Liberalisierung überzeugt, weshalb er sich entschieden gegen die moderne Tendenz zu Pantheismus und Immanentismus wendet. Der persönliche Gott des Christentums dagegen stellt die Voraussetzung von Humanität, Liebe und Freiheit dar. Gedankenfülle, brillante Polemik und ein unverwechselbarer glänzender Stil trugen zum großen Erfolg des apologetischen Essays über Orthodoxie bei, der bis heute immer wieder aufgelegt wurde. Er bietet eine Anleitung zur Freude am Dasein, die durch die Existenz der Werke Chestertons noch verstärkt wird.

Ausgabe

  • Neue Übersetzung von Monika Noll und Ulrich Enderwitz mit dem Untertitel Eine Handreichung für die Ungläubigen, Einleitung von MartinMosebach, Frankfurt a. M.: Eichborn 2001.

Literatur

  • Ian Crowther: G. K. Chesterton, London 1991.
  • Joseph Pearce: Wisdom and Innocence. A Life of G. K. Chesterton, San Francisco 1997.
Der Artikel wurde von Till Kinzel verfaßt.