Kampf der Kulturen

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Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert (engl. The Clash of Civilizations and the Remaking of World order, New York 1996),
Samuel P. Huntington, München/Wien: Europa 1996.
Samuel P. Huntington (World Economic Forum, 2004

Das Schlagwort vom »Kampf der Kulturen« geht auf einen Beitrag des Harvard-Professors und US-Regierungsberaters Samuel P. Huntington aus dem Jahre 1993 zurück. In dem Magazin für Außen- und Sicherheitspolitik, Foreign Affairs, schrieb der Autor, daß die Konfliktmuster des Ideologiezeitalters und des bipolaren Kalten Krieges durch eine multipolare Machtkonstellation ersetzt würden. Im 21. Jahrhundert hätten Konflikte eher kulturelle als wirtschaftliche oder ideologische Ursachen. 1996 konkretisierte er diese These durch die Veröffentlichung des Buches The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order. In der deutschen Übersetzung wurde aus dem »Clash« (Zusammenprall) ein »Kampf«, was die oberflächliche Kritik an dem Buch erleichterte.

Huntington beschreibt eine Zukunft, in der sich die Menschheit weitgehend in acht »Zivilisationen« oder Kulturkreise aufteilen läßt: die westliche, islamische, sinische, hinduistische, slawisch-orthodoxe, japanische, lateinamerikanische und afrikanische Zivilisation. Huntington sieht zwischen diesen Kulturen keineswegs starre Grenzen, sondern vielmehr dynamische und bewegliche Linien, die sich in besonders konfliktanfälligen Regionen als »Bruchlinien« zeigen. Beschleunigt werden diese »Bruchlinienkonflikte« durch den Rückzug des Westens und dessen, überwiegend demographisch bedingten, relativen Machtverlust. So ist auch der Aufstieg des Islam und dessen sicherheitspolitische Relevanz dem Jugendüberschuß seiner vitalen Bevölkerung zuzuschreiben.

Die Globalisierung, so Huntington, geht mit einer Rückbesinnung der Menschen auf ihre Herkunft (Distinktivitätstheorie), Sprache und traditionellen Wertvorstellungen einher. Lediglich eine vergleichsweise kleine kosmopolitische Elite, die er »Davos man« nennt, bewegt sich aufgrund ihrer sozioökonomischen Lage frei von kulturellen oder nationalen Bindungen. Huntington betont, daß der grundsätzliche Denkfehler dieser Gruppe in der Annahme liegt, westliche Wertvorstellungen seien universal. Sie setze den weitverbreiteten Wunsch nach Modernisierung mit einem nicht vorhandenen Wunsch nach Verwestlichung gleich.

Der Kampf der Kulturen nach Huntington (1996)

Huntington plädiert für eine Neuordnung der Politik. Kulturelle Unterschiede sollten akzeptiert und Gemeinsamkeiten gesucht werden. Dabei weist er auf jene Symptome des zivilisatorischen bzw. moralischen Niedergangs im Westen hin, die auch viele konservative Schriftsteller bedauern und die er als »kulturellen Selbstmord« beschreibt: die destabilisierenden Folgen von Migration, die Zunahme von Kriminalität und andere Zeichen schwindender gesellschaftlicher Ordnung, der Verfall traditioneller Lebensentwürfe durch hohe Scheidungsraten, uneheliche Geburten etc., der Schwund der protestantischen Arbeitsethik und all jener Wertvorstellungen, die den Westen erfolgreich machten, sowie der Verlust an Bildungsbürgertum durch schwindendes Interesse an intellektueller Betätigung bei gleichzeitig zunehmendem Konsumegoismus.

»Solange der Islam der Islam bleibt (und er wird es bleiben) und der Westen der Westen bleibt (was fraglicher ist), wird dieser fundamentale Konflikt zwischen zwei großen Kulturkreisen und Lebensformen ihre Beziehungen zueinander weiterhin und auch in Zukunft definieren, so wie er sie 1400 Jahre lang definiert hat.«

Huntington stieß damit vor allem in Europa auf starken Widerspruch. Die Kritik speiste sich aus der Sorge, daß seine Thesen den »Kampf der Kulturen« nach dem Prinzip der »selbsterfüllenden Prophezeiung« erst erzeugen würden. Außerdem wiesen zahlreiche Kritiker darauf hin, daß die Definition der Kulturkreise unklar sei und die Identität von Menschen sich nicht ausschließlich auf deren Kulturzugehörigkeit reduzieren lasse. Auch in Deutschland gab es, mit wenigen Ausnahmen wie dem aus Syrien stammenden Politikwissenschaftler Bassam Tibi, kaum öffentlichen Zuspruch oder Anerkennung für Huntingtons Thesen. Einige Autoren stellten sogar eine »holistische Gegenthese« auf, die sich auf die Behauptung stützt, daß Kulturen sich nicht bekämpfen, sondern vielmehr ineinanderfließen würden. Dagegen spricht, daß Kulturaustausch selten ausschließlich friedlich bewirkt wurde und es mindestens ebenso viele Beispiele gibt, bei denen Kulturen im Kontakt sich gegenseitig vernichten wollten. Für den Verlauf solcher Beziehungen ist die kulturelle Kompatibilität ausschlaggebend. Verfügen die jeweiligen, ineinanderfließenden Kulturen nämlich über mehr störende als ergänzende Wertvorstellungen verstärken sich die Zentrifugalkräfte, und es steigt die Konfliktwahrscheinlichkeit.

Huntington erkennt dagegen durchaus an, daß kultureller Austausch eine historische Konstante ist und daß Menschen sich nicht ausschließlich über ihre Kultur definieren. Er zeigt aber auch, daß von allen Identifikationsradien die kulturelle Gruppenzugehörigkeit zu jenen zählt, die für viele Menschen außerordentlich wichtig sind, wenn es um kollektive Selbstdefinition und die Bestimmung von »wir« und »die« geht. Auch der oft gehörte Hinweis, daß »Kultur«, »Nation« oder »Volk« soziale Konstrukte und daher »künstlich erzeugt« seien, geht am Thema vorbei. Solange Menschen in unterschiedlichsten Teilen der Welt bereit sind, sich für ihren Glauben oder ihre Ethnie aufzuopfern, sind diese »Konstrukte« ein Teil der Wirklichkeit und lassen sich nicht wegdefinieren. Der 11. September 2001 und die seitdem spürbaren Anzeichen zunehmender globaler Instabilität haben viele Kritiker verstummen lassen.

Ausgabe

  • Hamburg: Spiegel-Verlag 2006.

Literatur

  • Udo M. Metzinger: Die Huntington-Debatte. Die Auseinandersetzung mit Huntingtons »Clash of Civilizations« in der Publizistik, Köln 2000.
Der Artikel wurde von Wiggo Mann verfaßt.