Jörg Friedrich

Aus Staatspolitisches Handbuch im Netz
Wechseln zu: Navigation, Suche
Friedrich, Jörg,
17. August 1944 Essen.

Friedrich wurde zwar in der letzten Kriegsphase in Essen geboren, wuchs aber im österreichischen Kitzbühel auf. Er geriet wie die meisten seiner Altersgenossen in den Sog der Studentenrevolte, gehörte jedoch nicht zu den Mitläufern oder Mitgerissenen, sondern zu den Wortführern. Anfang der siebziger Jahre übernahm er die Führung der Berliner »Gruppe Internationale Marxisten« (GIM). Die GIM war trotzkistisch ausgerichtet und stellte die deutsche Sektion der »Vierten Internationale«. Friedrich hat im Rückblick ein hartes Urteil über sich und das politische Urteilsvermögen seiner Generation gesprochen. Seine Abwendung vom Trotzkismus am Ende des Jahrzehnts bedeutete noch keinen Bruch mit der Linken überhaupt, was man vor allem an seinen ersten Büchern, Freispruch für die Nazi-Justiz (1983) und Die kalte Amnestie (1984), deutlich erkennen kann, die Teil der »zweiten Vergangenheitsbewältigung« (Jürgen Busche) waren, die in Folge von ’68 das politische Klima der späten Bundesrepublik prägte.

Insofern lag die Erwartung nahe, daß auch der zehn Jahre später von Friedrich publizierte Band, Das Gesetz des Krieges (1992), dieser Perspektive folgen würde. Das mehr als siebenhundert Seiten starke Buch war allerdings eine sehr in die Breite gehende Untersuchung zu Krieg, Kriegsrecht, Kriegsbrauch und Kriegsverbrechen, die immer wieder Parallelen zog und zu Schlußfolgerungen führte, die sicher nicht dem Konsens der Tonangebenden entsprachen. Die Kritik hat sich nicht nur an der eigentümlichen Darstellungsweise Friedrichs gestört – dem Überbordenden, der Detailversessenheit, der Dauertendenz zum Exkurs –, sondern vor allem an der komparativen Neigung. Trotz gewisser Einwendungen ging die Kritik am Gesetz des Krieges aber noch nicht über einen politischen Anfangsverdacht hinaus. Das änderte sich im Zusammenhang mit Friedrichs scharfen Stellungnahmen zur Wehrmachtausstellung und dann nach Erscheinen von Der Brand (2002), dem Buch, das – anders als Das Gesetz des Krieges – eine ausgesprochene Breitenwirkung erzielte.

Dabei ging es weniger um die Fakten des Bombenkriegs selbst, die behandelt wurden, als um die dem Autor unterstellte Absicht. Auch deshalb ist es wichtig, zu betonen, daß Friedrich zwar unerbittlich in bezug auf die Schilderung der Fakten und die Betonung der Dimensionen ist, aber etwa die Kennzeichnung der Bombardements als »Kriegsverbrechen « ablehnte, da es während des Zweiten Weltkriegs noch keine entsprechenden Rechtsvorschriften gegeben habe. Daß er andererseits nicht geneigt ist, mit einer moralischen Beurteilung zurückzuhalten, wurde an der Wortwahl erkennbar: Friedrich sprach in dem Zusammenhang ausdrücklich von »Terror«, von den Opfern als »Ausgerotteten« und nannte die Keller, in die sich die Menschen vergeblich flüchteten, »Krematorien«.

»Mittlerweile will man die Demokratie der Bundesrepublik erfunden haben, die uns doch angewidert hat wie die Sünde. Auch eine Bekehrung! Wären wir zu der Herrschaft, wie wir sie wollten, hinaufgelangt, wir hätten uns dort zweifelsohne höchst blutig bewährt. Das geistige Rüstzeug war fertig. An uns hat es nicht gelegen; die Verhältnisse waren stärker.«

Letztlich war der Effekt von Der Brand nicht ganz der, den Friedrich sich vorgestellt hatte. Jedenfalls gelang es kaum, den Deutschen das Ungeheuerliche der Zerstörung ihres Landes klarer zu machen und damit eine grundsätzliche Verschiebung der üblichen Betrachtungsweise des 20. Jahrhunderts zu bewirken. Insofern muß man Friedrichs letztes Buch, Yalu (2007), auch als Versuch eines Neuansatzes betrachten.

Friedrich hat seine besondere Darstellungsweise hier zum äußersten getrieben. Eine Verschränkung von Ereignisgeschichte und biographischen Reminiszenzen, anekdotischen Bemerkungen und Schilderungen der Atmosphäre, Ausführungen zur Technik und eher philosophischen Bemerkungen. Der Stil ist alles andere als klassisch, vielmehr an journalistischen Arbeitsweisen orientiert; das merkt man nicht zuletzt an der farbigen – manchmal allzu farbigen – Ausdrucksweise. Aber auch wenn das manche formalen Einwände gerechtfertigt erscheinen läßt, bleibt doch vor allem die Wahrnehmung des Eindringlichen zurück.

Schriften

  • Freispruch für die Nazi-Justiz. Die Urteile gegen NS-Richter seit 1948. Eine Dokumentation, Reinbek bei Hamburg 1983.
  • Die kalte Amnestie. NS-Täter in der Bundesrepublik, Frankfurt a. M. 1984.
  • Das Gesetz des Krieges. Das deutsche Heer in Rußland 1941 bis 1945. Der Prozeß gegen das Oberkommando der Wehrmacht, München 1993.
  • Der Sturz der 1. ÖL. Eine Anekdote aus der Zeit der Außerparlamentarischen Opposition, in: FAZ vom 13. Februar 2001.
  • Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945, Berlin 2002.
  • Brandstätten. Der Anblick des Bombenkrieges, Berlin 2003.
  • Yalu. An den Ufern des dritten Weltkrieges, Berlin 2007.

Literatur

  • Karlheinz Weißmann: Autorenportrait Jörg Friedrich, in: Sezession (2008), Heft 23.
Der Artikel wurde von Karlheinz Weißmann verfaßt.