In Stahlgewittern

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In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers,
Ernst Jünger, Hannover: Selbstverlag 1920.
Portrait in der 3. Auflage (1922)

Wie viele seiner Generation zog Ernst Jünger als 19jähriger begeistert in den Krieg: »Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch.« Jünger war ein schlechter Schüler, der froh war, auf diesem Weg der Schule zu entkommen. Das hatte er bereits ein Jahr zuvor mit dem Eintritt in die Fremdenlegion erfolglos versucht. Bei Kriegsausbruch meldet er sich freiwillig und wird nach dem Notabitur eingezogen. Jünger macht den Krieg fast vom ersten bis zum letzten Tag mit, wird mehrfach schwerverwundet und erhält als einer der ganz wenigen Führer einer Infanteriekompanie den Pour le Mérite, die höchste Tapferkeitsauszeichnung, die nur 687mal verliehen wurde. Jünger führt von Beginn an Tagebuch und ist so zugleich Teilnehmer und Beobachter des Krieges. Das schlägt sich in den Stahlgewittern, die er gleich nach dem Krieg anhand seiner Tagebücher verfaßt, nieder. Das Buch berichtet chronologisch von der Meldung als Kriegsfreiwilliger, über die erste Fronterfahrung im Januar 1915 und seine Beförderung zum Leutnant bis zur Bewährung als Spähtruppführer und den glücklichen Ausgang im Lazarett, wo ihn im September 1918 die Nachricht von der Verleihung des Pour le Mérite erreicht. Im Juli 1917 kann Jünger seinem Bruder Friedrich Georg auf dem Schlachtfeld von Langemarck das Leben retten.

»Von Kleinigkeiten wie Prellschüssen und Rissen abgesehen, hatte ich im ganzen mindestens vierzehn Treffer aufgefangen, nämlich fünf Gewehrgeschosse, zwei Granatsplitter, eine Schrapnellkugel, vier Handgranaten- und zwei Gewehrgeschoßsplitter, die mit Ein-und Ausschüssen gerade zwanzig Narben zurückließen. In diesem Kriege, in dem bereits mehr Räume als einzelne Menschen unter Feuer genommen wurden, hatte ich es immerhin erreicht, daß elf von diesen Geschossen auf mich persönlich gezielt waren.«

In nüchterner Diktion beschreibt Jünger den Krieg an der Westfront als ein elementares Ereignis, das auch in Zeiten der technischen Hilfsmittel kaum etwas von seiner Unmittelbarkeit verloren hat. Zumindest dann nicht, wenn man die Perspektive des Grabenkämpfers zugrunde legt. Jünger fragt nicht, ob der Krieg gut oder böse und wie er moralisch zu bewerten sei. Er stellt ihn als eigentliche Tragödie, als zum Menschen zugehörig dar – etwas, das man bedauern aber nicht zu ändern vermag. Schon der Titel des Buches legt nahe, worum es Jünger geht: um ein plötzliches, hereinbrechendes Ereignis, das der Mensch nicht abwenden kann. Deshalb finden sich im weiteren Verlauf des Buches auch weder Anklänge an die ungebrochene Kriegsbegeisterung von 1914 noch an die folgende Niedergeschlagenheit von 1918. Der Krieg wirkt unmittelbar, erfährt unvorhersehbare Wendungen, ist im Detail völlig sinnlos und undurchsichtig. Immer wieder taucht die Frage auf: Wo ist der Feind? Wo sind die eigenen Linien? Das Geschehen bleibt chaotisch, und der Sinn kann nur im Erlebnis, der Erfahrung des Krieges selbst liegen. Der Ablauf ist anhand der wechselnden Ortsnamen beim ersten Lesen kaum nachvollziehbar. Wie der Grabenkämpfer verliert der Leser irgendwann den Überblick über den Kriegsverlauf im ganzen. Es wirkt wie eine »ewige Wiedekehr des Gleichen«, die erst auf der übergeordneten Ebene der Stabsoffiziere einen Zusammenhang ergibt: »Für ihn war das Ganze ein Plan, für uns eine mit Leidenschaft erlebte Wirklichkeit.«

In Stahlgewittern hat sich als die beste Darstellung des Ersten Weltkrieges aus der Erlebnisperspektive erwiesen. Jenseits von Dolchstoßlegende und Antikriegsmetaphorik konnte Jüngers Buch bereits in den zwanziger Jahren eine parteiübergreifende Gültigkeit beanspruchen. Es ist vor allem die nüchterne Diktion, die Ideologen jeder Richtung auf die Barrikaden treibt. Doch genau darin liegt die bleibende Gültigkeit dieses Buches, die es zu dem Kriegsbuch überhaupt macht. Es ist nicht nur eines der ersten Kriegstagebücher, die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erschienen, es ist auch eines der erfolgreichsten. Allein bis 1960 wurden 250 000 Exemplare verkauft, aktuell liegt die 47. Auflage vor, es gibt Übersetzungen in alle Kultursprachen. Im Laufe seines langen Lebens hat Jünger das Buch sechsmal überarbeitet und verändert, ohne es dem jeweiligen Zeitgeist anzupassen. Jünger begründete mit In Stahlgewittern seinen anhaltenden Ruhm als Schriftsteller, dessen Werk mittlerweile zur Weltliteratur gehört, was nicht zuletzt seine Aufnahme in die renommierte Bibliothèque de la Pléiade (2008) belegt.

Ausgabe

  • Sämtliche Werke, Erste Abteilung: Tagebücher, Bd. 1, Tagebücher I, Stuttgart: Klett-Cotta 1978, S. 9–300. Bestellen bei Antaios

Literatur

  • Nils Fabiansson: Das Begleitbuch zu Ernst Jünger In Stahlgewittern, Hamburg/Berlin/Bonn 2007.
  • Ernst Jünger: Kriegstagebuch 1914–1918, hrsg. v. Helmuth Kiesel, Stuttgart 2010.
Der Artikel wurde von Erik Lehnert verfaßt.