Gemeinschaft und Gesellschaft

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Gemeinschaft und Gesellschaft.
Ferdinand Tönnies, Leipzig: Fues 1887.

Den Kontext des Buches Gemeinschaft und Gesellschaft bildet der Entstehungsprozeß der fachwissenschaftlichen Soziologie vor dem Hintergrund der sozialen Probleme in den sich rapide entwickelnden Industriegesellschaften und den damit verbundenen Reformplänen und -notwendigkeiten einerseits, der Debatte um die Bedeutung der Rationalität bei der Entstehung der Moderne andererseits.

Tönnies ging davon aus, daß die soziale Realität das Ergebnis eines Geflechtes von individuellen Willensakten, eines Zusammenwollens ist. Die moderne Gesellschaft beruht auf quasivertraglichen Bindungen. Sie ist irreversibel. Vormoderne (gemeinschaftliche) Lebensformen sind nur noch innerhalb der Gesellschaft denkbar und auch notwendig.

Tönnies unterscheidet psychologisch den ganzheitlichen »Wesenwillen« vom zweckrationalen »Kürwillen«. Im Wesenwillen bilden Vernunft und Wille eine Einheit, beim Kürwillen kommandiert der Intellekt den Willen. Die Willensformen konstituieren zwei gegensätzliche Typen sozialer Ordnung. Mit »Gemeinschaft«, aus dem Wesenwillen hervorgegangen, bezeichnet Tönnies Lebensformen, die für die Betroffenen um ihrer selbst willen bedeutsam sind, und nicht, wie es konträr dazu für die »Gesellschaft« gilt, nur um eines Zweckes willen eingegangen werden. Gesellschaftliche Verhältnisse sind kürwillige, berechnende Bündnisse unter der Vorherrschaft des Zweckprinzips (Vereine, Parteien, Wirtschaftsbetriebe, Gewerkschaften etc.) und werden durchÜbereinkunft (Vertrag) zwischen Interaktionspartnern begründet. Gemeinschaft wächst aus der Vergangenheit und entsteht durch lang verfestigte Gewohnheiten, wechselseitiges Vertrauen und dauerhafte Beziehungen, ist an eine gemeinsam erlebte Geschichte gebunden. Gemeinschaftliche Verbundenheit geht aus Übereinstimmungen hervor, die nicht gemacht, sondern nur gepflegt werden können (Verwandtschaft, Nachbarschaft, Freundschaft, Landsmannschaft, Volk, Kirche etc.). In der Realität treten die beiden Typen immer gemischt auf, doch hat, historisch gesehen, eine Stufenfolge von Gemeinschaft zu Gesellschaft stattgefunden. Tönnies beschreibt phänomenologisch ihre spezifischen Wirtschafts-, Besitz-, Herrschafts- und Mentalitätsstrukturen. »Gemeinschaft« hatte ihren realhistorischen Höhepunkt im Spätmittelalter zwischen 1200 und 1500, war herrschaftlich oder genossenschaftlich organisiert, lebte ökonomisch von Handwerk und Hauswirtschaft, die Ethik entsprang der Religion.

»Gesellschaft« kennzeichnet bei Tönnies unsere, d.h. die moderne, kapitalistische Gesellschaft, in der die Menschen in jeder Hinsicht von der Verfolgung ihres eigenen Vorteils geleitet werden. Das Medium der Wirtschaft ist der Warentausch. Der gesamtgesellschaftliche Zusammenhalt wird labil hergestellt durch Konventionen, durch die Politik des modernen Staates und, in der Nachfolge der Religion, über die öffentliche Meinung. Eine dauerhafte Befriedung ihrer Interessenskollisionen ist ausgeschlossen.

»Wir denken … die gesamte Entwicklung der germanischen Kultur, welche auf den Trümmern des römischen Reiches und als dessen Erbin, mit dem allgemein werdenden Bekenntnisse zur christlichen Religion, unter der befruchtenden Macht der Kirche sich erhob, als in beständigem Fortgange zugleich und Untergang begriffen …«

Tönnies amalgamiert in Gemeinschaft und Gesellschaft unterschiedliche Modelle der Gesellschaftsbetrachtung (Hobbes, Marx, den Evolutionismus, die Rechts- und Wirtschaftsgeschichte, die Willensphilosophie Schopenhauers). Er will sowohl der Aufklärung wie der historischen Schule gerecht werden, indem er auch den historisch gewachsenen Gestalten Vernünftigkeit und Sinn zuerkennt und sie damit wissenschaftlicher Analyse zugänglich macht. Der Gemeinschaftsbegriff bildet so ein Korrektiv gegen jede einseitig modernistische Gesellschaftstheorie. Gemeinschaft ist nach Tönnies die bleibende, wenngleich allmählich verkümmernde Substanz des sozialen Lebens, der er sogar ein gemeinschaftliches Naturrecht zubilligt. Doch ist in der Gegenwart nur noch Gemeinschaft in Gesellschaft möglich. Tönnies plädiert keinesfalls für bloße Tradition, er sucht statt dessen nach neuen Formen der Solidarität (und fand sie seinerzeit in Konsum- und Produktionsgenossenschaften, im Versicherungswesen, im Koalitionsrecht, in neuen sozialen Bewegungen), welche die beiden Momente des Sozialen vermitteln könnten. Die im Gemeinschaftsbegriff latent angelegten konfliktuellen Momente (gegen andere Gemeinschaften und gegen die Gesellschaft) hat er aus methodischen Gründen nicht weiterverfolgt. Tönnies sieht die gegenwärtige Gesellschaft unaufhaltsam in die Weltgesellschaft übergehen.

Erst mit der zweiten Auflage, die in eine Phase allgemeiner Zivilisationskritik fiel, erntete das Werk breite Anerkennung. In der Weimarer Republik wurde es zu einem soziologischen Bestseller, oft um den Preis von Mißverständnissen. Nach 1933 verschwand es in der Versenkung. In der bundesrepublikanischen Soziologie wurde ihm bis heute absurderweise eine sozialromantisch-rückwärtsgewandte Botschaft angehängt, trotz gegenteiliger Deutungsversuche in den letzten zwei Jahrzehnten.

Ausgabe

  • Mit dem Untertitel Grundbegriffe der reinen Soziologie (seit der 2. Auflage, Berlin: Curtius 1912), Darmstadt: WBG 2010 (Nachdruck der 8. Auflage, Leipzig: Buske 1935).

Literatur

  • Cornelius Bickel: Ferdinand Tönnies. Soziologie als skeptische Aufklärung zwischen Historismus und Rationalismus, Opladen 1991.
  • Lars Clausen (Hrsg.): Hundert Jahre ›Gemeinschaft und Gesellschaft‹. Ferdinand Tönnies in der internationalen Diskussion, Opladen 1991.
Der Artikel wurde von Rainer Waßner verfaßt.