Geheimer Bericht und andere biographische Aufzeichnungen

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Geheimer Bericht und andere biographische Aufzeichnungen (frz. Récit secret, suivi de Journal 1944–1945, et d‘Exorde, Paris 1951).
Pierre Drieu La Rochelle, München: Matthes & Seitz 1986.

»Der faschistische Intellektuelle ist der radikale décadent«, schrieb Günter Maschke über den Schriftsteller Pierre Drieu La Rochelle. »Er kann den ihn quälenden Wertnihilismus nur ertragen, weil er glaubt, daß sich das wirkliche Leben erst im Ausnahmezustand enthüllt; im Krieg oder im Augenblick der Gefahr.« Drieu gilt als einer der schillerndsten Exponenten unter den faschistischen Literaten; mit Louis-Ferdinand Céline, Robert Brasillach und Lucien Rebatet teilt er den Ruf eines politischen poète maudit, der sich im besetzten Frankreich der Jahre 1940–44 der Sünde der aktiven Kollaboration schuldig gemacht hatte. Wie seine Schicksalsgenossen hatte Drieu aber auch in anderer Hinsicht einen abgründigen, einen »verdammten« Zug.

Der Verfasser von Romanen wie Das Irrlicht (1931), Verträumte Bourgeoisie (1937) und Die Unzulänglichen (1939), Weltkriegsteilnehmer und Weggefährte der Surrealisten, war ein rastloser, todessehnsüchtiger Dandy, den Frauen und dem Rausch zugetan, der die wahrgenommene Dekadenz seines Zeitalters ebenso in sich trug, wie er sie durch den »rêve fasciste« (Maurice Bardèche) zu überwinden suchte. Nach der Befreiung von Paris im August 1944 unternahm er einen ersten Suizidversuch, den er zufällig überlebte. Als am 15. März 1945 ein Vorführungsbefehl gegen ihn ergeht, tötet er sich mit einer Überdosis Schlafmittel.

Geheimer Bericht versammelt autobiographische Schriften Drieus sowie Essays des Herausgebers Joachim Sartorius und des Drieu-Biographen Frédéric Grover, die sich vor allem auf die Innenseite seines fatalen politischen Weges konzentrieren. Der titelgebende Text, verfaßt nach dem Selbstmordversuch Drieus im August 1944, stellt den Freitod in einen weiteren Kontext, in dem selbst die Parteinahme für die schon früh als verloren und korrumpiert erkannte Sache des Faschismus als Schachzug eines aussichtslosen, tödlichen Spiels mit dem Schicksal erscheint, an dessen Ende ein befreiender Zusammenbruch steht und dessen stärkster Antrieb die Suche nach einer absoluten Transzendenz ist, die im irdischen Leben nicht zu erlangen ist: »Es gibt fast immer, es gibt vielleicht immer ein Element der Reinheit in dem zum Selbstmord Neigenden.« Seine lebenslange, beinah mystische Neigung zum Selbstmord sieht Drieu verknüpft mit einer »magischen, theurgischen Neugierde, die von Unternehmungen, von Überschreitungen träumt«, eine »kühne, unbesonnene Neugierde, die tätig sein, auf Experimente aus sein will«. Großen Einfluß hatten hier auch indische und chinesische Vorstellungen von der Unterscheidung zwischen »dem Sein und dem Nichtsein auf der einen Seite, und dem, was jenseits dieser Antinomie ist«.

»Ja, ich bin ein Verräter. Ja, ich war im Einverständnis mit dem Feind. Ich habe dem Feind französischen Verstand gebracht. Es ist nicht meine Schuld, daß dieser Feind nicht verständig gewesen ist. Ja, ich bin kein gewöhnlicher Patriot, kein vernagelter Nationalist: Ich bin ein Internationalist. Ich bin nicht nur Franzose, ich bin Europäer. Auch ihr seid es, unbewußt oder bewußt. Aber wir haben gespielt, ich habe verloren. Ich beantrage den Tod.«

Diesem »geheimen« Privatissimum gegenüber steht das Exordium, eine Art öffentliches Testament und stolze Verteidigungsrede, in der Drieu noch einmal seine politischen Motive rekapituliert. Er bekennt sich als »nicht schuldig« im Sinne der Anklage, deren Rechtsprechung er nicht anerkennt. Drieu bekennt, auf ein starkes Deutschland gehofft zu haben, das als hegemoniale Schutzmacht Europa einigen und gegenüber den russischen und anglo-amerikanischen Interessen verteidigen würde. Die Deutschen und insbesondere Hitler waren dieser Aufgabe aber nicht gewachsen gewesen – am Ende haben sie nicht weniger zu Zerstörung Europas beigetragen als ihre Feinde. Er als Intellektueller aber habe konsequent gehandelt und seine Bereitschaft unter Beweis gestellt, mit seinem eigenen Blut statt mit Tinte zu unterschreiben.

Literatur

  • Benedikt Kaiser: Eurofaschismus und bürgerliche Dekadenz. Europakonzeption und Gesellschaftskritik bei Pierre Drieu La Rochelle, Kiel 2011.
Der Artikel wurde von Martin Lichtmesz verfaßt.