Ehre

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Ehre hat einen inneren und einen äußeren Aspekt. Der innere wird dadurch bestimmt, daß das Individuum um seinen Wert weiß. Er ist im Grunde nicht verletzbar. Der äußere hängt mit der Anerkennung und Wertschätzung des Individuums in der Gemeinschaft zusammen, er ist äußerst empfindlich. Der einzelne hat deshalb eine Vorstellung davon, was sich mit seiner Ehre verträgt und ist gleichzeitig davon abhängig, daß man ihm Ehre erweist. Nur infolge massiver seelischer Störung kann die eigene Ehrlosigkeit vorgestellt werden, während Ehrverlust in der Öffentlichkeit ganz verschiedene Gründe hat.

»Welches sind die höchsten Güter des germanischen Mannes? Auf diese Frage lautet die Antwort: Mut und Treue und Ehre.«

Jan de Vries

Für diesen Zusammenhang spielt das kulturelle Gesamtsystem eine wichtige Rolle. Geläufig ist die Unterscheidung von »Scham- und Schuldkulturen« (Ruth Benedict). Die Schamkultur ist die ältere und allgemeinere Form. In ihr wirkt der einzelne so stark mit der Gruppe verbunden, daß der äußere Aspekt der E. ganz ins Zentrum tritt. E. wird in erster Linie gegeben, die ehrenhafte Stellung ist abhängig von der Bereitschaft der Gruppe, E. zu erweisen. Thorstein Veblen hat vielleicht nicht allzusehr übertrieben, wenn er meinte: »Bevor die Entwicklung des Begriffs und der weiter daran geknüpften Vorstellungen die einfache Bedeutung verschleierte, scheint der primitive Barbar unter ›ehrenvoll‹ nichts anderes verstanden zu haben als überlegene Kraft.«

Wenn man den Begriff »Kraft« durch »Macht« ersetzt und die Interpretation über den Aspekt der rein körperlichen Potenz erweitert, kommt man dem Ursprung des Ehrbegriffs nahe. Denn in allen frühen Gesellschaften war Ehre verknüpft mit Alter, Geschlecht oder sozialem Rang: Alten kommt mehr Eehre zu als Jungen, Männern mehr als Frauen, Müttern mehr als Kinderlosen, Priestern mehr als Laien und so weiter. Aber es spielten auch individuelle Leistungen eine Rolle – bei Krieg oder Jagd vor allem –, und der öffentlichen Zuweisung einer besonderen Ehre wurde große Bedeutung zugeschrieben, nicht zuletzt indem man sie symbolisch ausdrückte (Ehrenzeichen), Ehrverlust war eine Katastrophe, weil sie im Grunde den sozialen Tod nach sich zog.

»Der Grundbegriff aller lebendigen Sitte ist die Ehre. Alles andere, Treue, Demut, Tapferkeit, Ritterlichkeit, Selbstbeherrschung, Entschlossenheit liegen darin. Und Ehre ist Sache des Blutes, nicht des Verstandes. Man überlegt nicht – sonst ist man schon ehrlos.«

Oswald Spengler

Es besteht hier ein Zusammenhang mit natürlichen Vorformen des menschlichen Gemeinschaftslebens, aber aus deren Charakter ist die Ehrvorstellung selbstverständlich nicht ganz abzuleiten. Das wird noch deutlicher im Fall der Schuldkultur. Es handelt sich dabei um die seltenere Variante. Sie hat unter dem Einfluß des Christentums ihre klarste Ausprägung in Eu­ropa (Abendland) erhalten. Grund dafür war zum einen die religiös motivierte Vorstellung, daß jedem Menschen mit seiner unsterblichen Seele eine Ehre zukomme, die im Grunde nur durch sündhaftes Handeln beschädigt werden könne, aber nicht durch irgend etwas, das dem einzelnen in der Welt zustößt.

Die Macht der traditionellen Schamkultur war dadurch aber nur korrigiert, nicht beseitigt, was auch mit der Übertragung des Ehrbegriffs auf das Kollektiv zu tun hat, der für alle politische Organisation unabdingbar ist. Bis ins 20. Jahrhundert spielte deshalb auch in Europa die Wahrung der äußeren Ehre für das Individuum eine entscheidende Rolle. Gravierende Veränderungen auf diesem Sektor sind zustande gekommen durch die egalisierende Tendenz der modernen Gesellschaft, die dem ehrenstolzen Adel (Aristokratie) seine Funktion nahm, und die Varianten einer Psychologie, die die Ausforschung des Innenlebens mit der Absicht betrieb, auch so einen Begriff wie den der Ehre aufzulösen. Montesquieu hat schon darauf hingewiesen, daß die Ehre für den Bestand jeder differenzierten Gesellschaftsordnung von Bedeutung ist, und Sorel vermutete, daß die europäische Dekadenz wesentlich auf ein Schwinden des Ehrgefühls zurückzuführen sei.

Literatur

  • Hans von Hentig: Die Besiegten, München 1966.
  • Charles de Montesquieu: Vom Geist der Gesetze, zuletzt Stuttgart 2006.
  • Thorstein Veblen: Theorie der feinen Leute, zuletzt Frankfurt a. M. 2007.
  • Jan de Vries: Die geistige Welt der Germanen, zuletzt Darmstadt 1964.