Die herrschende Klasse

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Die herrschende Klasse. Grundlagen der politischen Wissenschaft (ital. Elementi di scienza politica, Rom 1896),
Gaetano Mosca, Bern: Francke 1950.

Der Begriff »politische Klasse« war in Deutschland lange Zeit verpönt, weil er den Eindruck einer demokratisch nicht legitimierten, kastenartig abgeschlossenen Führungsgruppe vermittelte, den man unbedingt vermeiden wollte. Mittlerweile ist diese Empfindlichkeit geschwunden, was nicht nur auf das gewachsene Selbstbewußtsein des Establishments zurückzuführen ist, sondern auch auf eine gewisse Ernüchterung in bezug auf ideale Vorstellungen von Demokratie und bürgerlicher Gleichheit.

Eine Ernüchterung hatte der Erfinder des Terminus ohne Zweifel im Sinn. Gaeta no Mosca, von Hause Jurist, strebte mit seinem Buch genau das an: die Aufgabe der Illusionen im Hinblick auf das gemeinsame Strukturelement aller politischer Organisation, ganz gleich, ob es sich um Demokratie, Oligarchie oder Monarchie handelt. Das lag seiner Meinung nach in der unaufhebbaren, mehr oder minder deutlichen Scheidung zwischen einer herrschenden Minderheit und einer beherrschten Mehrheit, einer Elite, die die Machtmittel monopolisiert, und einer Menge, die das freiwillig oder unfreiwillig hinnimmt.

»Aber im politischen Leben bedeutet das Attribut »Beste« meist Menschen, die zur Regierung ihrer Mitmenschen am besten geeignet sind. In diesem Sinn kann das Adjektiv in normalen Zeiten stets für die herrschende Klasse gebraucht werden, denn die Tatsache, daß sie herrscht, beweist schon, daß sie aus den Elementen besteht, die zu dieser Zeit und in diesem Lande am besten zum Herrschen geeignet sind; was nicht heißt, daß es sich dabei immer um die intellektuell und vor allem moralisch »besten« Elemente handelt. Denn um die Menschen zu regieren, sind Umsicht, schnelles Verständnis der Psychologie der einzelnen und der Massen und vor allem Selbstvertrauen und Willenskraft viel wichtiger als Gerechtigkeitssinn, Altruismus und schon gar Weite der Bildung und des Blickes.«

Viele dieser Einsichten waren nicht neu und Moscas Zuordnung zur Gruppe der »Machiavellisten« (James Burnham) ohne Zweifel zutreffend, wenn man mit diesem Namen jene politischen Denker versieht, die eine veristische Sicht der Dinge vorziehen. Allerdings ist auch unverkennbar, daß die erste Fassung seines Buches am Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf den Kampf zwischen dem aufstrebenden liberalen Bürgertum, der alten konservativen Aristokratie und der neuen sozialistischen Arbeiterbewegung entstanden war. Mosca war ein Repräsentant des Liberalismus, eines belehrten Liberalismus allerdings, dessen Zweifel an seiner älteren Sympathie für den demokratischen Gedanken wuchs, der immer deutlicher sah, daß die moderne Industriegesellschaft nicht Emanzipation und Selbstbestimmung des aufgeklärten Individuums förderte, sondern andere Zwänge von ungleich größerer Kraft bereithielt als die alte societas civilis, herauf beschworen von dem Bedeutungszuwachs für die Masse einerseits,von der technischen Entwicklung andererseits.

In manchem erinnert Moscas Haltung an diejenige Tocquevilles. Jedenfalls hielten beide die Nostalgie für schädlich und wollten auf die veränderte Herausforderung reagieren, um etwas zu retten von der altmodischen Freiheit. Um dieses Ziel zu erreichen, hielt Mosca zuerst einen schonungslosen Blick auf die Gesetze des politischen Lebens für unabdingbar.

Literatur

  • James Burnham: Die Machiavellisten. Verteidiger der Freiheit, Zürich 1949.
  • James H. Meisel: Der Mythus der herrschenden Klasse. Gaetano Mosca und die »Elite«, Düsseldorf/Wien 1962.
Der Artikel wurde von Karlheinz Weißmann verfaßt.