Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit

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Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit.
Konrad Lorenz, in: Hans Albert (Hrsg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag, Meisenheim am Glan: Heim 1971, S. 281-340.

Der österreichische Verhaltensforscher Konrad Lorenz war nach seinem Buch Das sogenannte Böse (1963) und der Verleihung des Nobelpreises (1973) zu einer öffentlichen Person geworden. Dies führte dazu, daß der zunächst an entlegener Stelle erschienene Aufsatz Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit als Buch (1973) ein Bestseller wurde und seine Warnung vor verschiedenen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen die Massen erreichte. Der zeitgeschichtliche Hintergrund der Studie waren die Auswirkungen von ’68 und die ersten Anfänge der Umweltbewegung.

»Dem kapitalistischen Großproduzenten wie dem sowjetischen Funktionär muß gleicherweise daran gelegen sein, die Menschen zu möglichst uniformen, ideal widerstandslosen Untertanen zu konditionieren .. Der Irrglaube, daß man dem Menschen, richtige »Konditionierung« vorausgesetzt, schlechterdings alles zumuten, schlechterdings alles aus ihm machen kann, liegt den vielen Todsünden zugrunde, welche die zivilisierte Menschheit gegen die Natur, auch gegen die Natur des Menschen und gegen die Menschlichkeit begeht. Es muß eben übelste Auswirkungen haben, wenn eine weltumfassende Ideologie samt der sich aus ihr ergebenden Politik auf einer Lüge begründet ist.«

Die von Lorenz angeprangerten acht Todsünden sind: 1. die Übervölkerung, 2. die Verwüstung des Lebensraumes, 3. der Wettlauf mit sich selbst (d.h. die Beschleunigung des gesellschaftlichen Tempos und der technischen Entwicklung), 4. der Wärmetod des Gefühls (d.h. die Verweichlichung und Abstumpfung durch die Gewöhnung an allzu schnelle Bedürfnisbefriedigung), 5. der genetische Verfall durch nachlassende Selektion, 6. das Abreißen der Tradition, 7. die zunehmende Indoktrinierbarkeit der Menschen und schließlich 8. die Gefahr, die von den Kernwaffen ausgeht. Lorenz sieht die moderne Gesellschaft in einem sich selbst verstärkenden Prozeß positiver Rückkopplung gefangen, der zur »Enthumanisierung« führt. Durch die technische und ökonomische Entwicklung werden die ihr entgegenstehenden biologisch und kulturell verankerten Faktoren unterlaufen. So setzen zum Beispiel die modernen Fernwaffen die natürliche Tötungshemmung außer Kraft. Die gedrängte großstädtische Siedlungsweise überfordert das an überschaubare Gruppen angepaßte menschliche Sozialverhalten und setzt Aggressionen frei. Die immer leichtere Möglichkeit schneller Bedürfnisbefriedigung führt zu Abstumpfung und zur zunehmenden Unfähigkeit, Unlust und Anstrengungen zu ertragen. Wie das domestizierte Haustier zeigt auch der Mensch in der modernen Zivilisation nicht nur charakteristische körperliche Veränderungen - die von Lorenz sogenannte »Verhausschweinung« des Menschen -, sondern auch entsprechende soziale Ausfälle. Der biologisch angelegte und evolutionär sinnvolle Generationenkonflikt hat im Zuge der gesellschaftlichen Beschleunigung ein Ausmaß angenommen, das die Zivilisation in ihrer Existenz gefährdet. Die jugendlichen Subkulturen zeigen mit ihren eigenen Verhaltens- und Kleidungsstilen Merkmale künstlicher Artbildung (Pseudo-Speziation) und stehen der Elterngeneration mit »ethnischem Haß« gegenüber.

In der Zeit der beginnenden Ökologiebewegung – 1972 waren die Grenzen des Wachstums des Club of Rome erschienen – kam Lorenz’ Buch in vielem dem Zeitgeist entgegen. Zwar kritisierten manche, daß Lorenz allzu ungeniert durch den Nationalsozialismus belastete Begriffe verwenden würde, dies konnte jedoch dem Erfolg des Buches keinen Abbruch tun. Es führte allerdings dazu, daß ein Teil der medialen und wissenschaftlichen Elite in Lorenz einen zu bekämpfenden politischen Gegner erkannte. Deren Macht war aber damals noch nicht groß genug, um Lorenz’ öffentlichen Einfluß verhindern zu können.

Die Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit haben in wissenschaftlicher Hinsicht manche Schwächen, etwa wenn Lorenz von Selektion spricht, ohne dabei den relativen Fortpflanzungserfolg zu berücksichtigen. Ihre Bedeutung besteht vor allem darin, daß Lorenz mit ihnen eine konservative Kulturkritik auf ethologischer Grundlage begründete. Diese Tradition sollte in der Folge vor allem von seinem Schüler Irenäus Eibl-Eibesfeldt fortgesetzt werden.

Ausgabe

  • Sonderausgabe, München: Piper 2005.

Literatur

  • Franz M. Wuketits: Konrad Lorenz. Leben und Werk eines großen Naturforschers, München 1990.
Der Artikel wurde von Andreas Vonderach verfaßt.