Die Achse der Natur

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Die Achse der Natur. System der Philosophie als Lehre von den reinen Ereignissen der Natur,
Hans Blüher, Hamburg-Bergedorf: Stromverlag 1949.

Hans Blüher wurde vor allem als umstrittener Deuter der Wandervogelbewegung und als Autor des zweibändigen Werkes Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft (1917/19) bekannt. In den zwanziger Jahren widmete er sich verstärkt politischen und theologischen Themen. Nach anfänglichen Sympathien wandte er sich nach 1933 rasch vom Nationalsozialismus ab und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. In den Jahren seines publizistischen Schweigens entstand Die Achse der Natur, das Blüher als die Summe seines Lebenswerkes betrachtete.

Als das Buch 1949 erschien, lag seine letzte große Publikation 15 Jahre zurück; 1952 folgte der Ergänzungsband Parerga zur Achse der Natur.

In diesen beiden zusammengehörigen Schriften wird der eigentliche Kern von Blühers Denken deutlich, der auch den jugendbewegten, sexualtheoretischen und antisemitischen Werken zugrunde liegt, die vorrangig mit ihm assoziiert werden:

Da wäre zum einen die Verteidigung der nicht dekonstruierbaren Essenz der Dinge als Geschaffenes und des Menschen als Geschöpf, zum anderen das Verhältnis dieses Geschöpfes zu den ethischen, religiösen und ästhetischen Gütern, »um deretwillen es sich allein lohnt, Mensch zu sein«.

Diese Güter entstammen aber nicht dem »Menschengeist«, sondern dem »Welthintergrund«, den Blüher als »Natur« bezeichnet und folgendermaßen definiert: »Natur ist ein transcendentales Kontinuum. Sie hat eine Achse, deren einer Pol im transcendentalen Subjekt verankert liegt, der andere im transcendentalen Objekt.

Ihr Inhalt heißt das archetypische Potential.« Das bedeutet nicht weniger als den Wiedergewinn einer mit der Aufklärung und Moderne verlorengegangenen Perspektive, die den Menschen nicht als hybriden Schöpfer seiner selbst, sondern in einem besonderen Verhältnis zu Gott und zur »Natur« stehend betrachtet. Damit stellt sich Blüher einer Kernfrage des »europäischen Nihilismus« (Nietzsche): Sind die Dinge, die das Sein des Menschen bisher transzendiert haben »wahr« und objektiv gültig, oder sind sie nur von ihm »ausgedacht«, nichts weiter als sein eigenes subjektives Werk, schöne Lügen und Chimären, die ihn um seine fatale Lage im Weltall hinwegtrösten sollen?

»Die Philosophie - wenn sie mal wieder eine Sprache haben will - hat es nicht in der Hand, ihre Fachausdrücke beliebig zu wählen, sondern sie ist darauf angewiesen, was die Natur ihr sagt; sie darf sich nichts aus den Fingern saugen.«

Die Achse der Natur versucht, das Gegenteil zu beweisen. Die Kulturleistungen des Menschen sind ohne Gott nicht denkbar, ihre Rückführung auf den »Menschengeist« ist gar Gotteslästerung. Die Erkenntnis dieser Dinge ist laut Blüher vielmehr ein objektiver Vorgang mit Offenbarungscharakter, der indessen allein in der »genialen Zone der Menschheit« stattfindet. Der Übergang vom »Status nascendi« der geistigen Empfängnis zum »actus demonstrandi« der Übersetzung in eine Form (ein Werk oder eine Tat) unterliegt jedoch, wie alle Dinge der Welt, der Erbsünde. Der Druck, den das »archetypische Potential« der Natur auf das Individuum ausübt, überfordert oft seine Kapazitäten; so bleibt auch das Werk des Genies nicht frei von Schlacken und Irrtümern. Wesentlich an dieser Metaphysik des Genies (die Blüher erstmalig in dem 1924 anonym erschienenen Band Die deutsche Renaissance formulierte) ist die Betonung, daß auch dieses nur ein Gefäß für die Offenbarungen des Objekts sei. Blüher erkennt im Bau der Welt einen Sinn und eine Ordnung, die mit Verstandeskräften allein nicht zu fassen sind; sie müssen wahrgenommen werden mit den geistigen Organen der Erkenntnis, zu denen er auch den »Eros« zählt.

Die Achse der Natur breitet ihr Thema in barocker Fülle und mit eklektizistischer Freizügigkeit aus, in der farbigen, anschaulichen, direkt zugreifenden Sprache eines Platonikers und Augenmenschen. Den besonderen Schliff gibt die mitunter verblüffende und auch anstößige Eigenwilligkeit, die für Blühers Werk so charakteristisch ist. Der Reiz dieser philosophischen Rück-Anbindung und Bodengewinnung ist, daß der Autor sich als Denker versteht, der bereits, nach Stefan George, »durch die vollendete Zersetzung hindurch« gegangen ist, der in den Trümmern des Abendlandes die Dinge zu benennen versucht, die der großen nihilistischen Götzendämmerung standgehalten haben. Die Sekundärliteratur zu Blüher steht seinem Hauptwerk, das schon zu seinen Lebzeiten kaum Beachtung fand, indessen ratlos gegenüber. Eine profunde inhaltliche Auseinandersetzung blieb vollständig aus, es ist, wie der Autor prophezeit hat, »liegen geblieben«, während seine wesentlichen Fragestellungen so virulent sind wie eh und je. Positiv rezipiert wurde es kaum von Philosophen, sondern vor allem von Außenseitern, aber auch von Ernst Jünger, in dessen Tagebüchern Die Achse der Natur gelegentlich Erwähnung findet.

Ausgabe

  • Nachdruck, Norderstedt: Books on Demand 2001.

Literatur

  • Martin Lichtmesz: Autorenportrait Hans Blüher, in: Sezession (2006), Heft 15.
Der Artikel wurde von Martin Lichtmesz verfaßt.