Deutschland

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»Sprachenkarte von Deutschland« Andree's Handatlas, 1881

Deutschland bezeichnet heute einen Staat, dessen Gebiet gegenüber dem, was traditionell zu Deutschland gehörte, extrem reduziert ist. Deutschland hat sowohl im Westen (Elsaß, Lothringen, Eupen-Malmedy) als auch im Osten (Ostpreußen, Ostbrandenburg, Hinterpommern, Schlesien) und Süden (Österreich, Südtirol) von seinem Kernbestand verloren, nicht zu reden von Randterritorien (Westpreußen, Nordschleswig) mit traditionell gemischter Bevölkerung oder den Bereichen, die zwar lange Zeit zum Reich gehört hatten, sich aber aus eigenem Entschluß ablösten wie die Niederlande, Belgien und Luxemburg.

Der innere Zusammenhalt Deutschlands war aufgrund einer langdauernden Schwäche des politischen Zentrums in erster Linie ein kultureller, den vor allem die einheitliche Sprache gewährleistete. Deutschland mochte zeitweise nur als »geographischer Begriff« erscheinen, tatsächlich gab es eine relativ homogene Bevölkerung, die auch ein Kollektivbewußtsein besaß, das seinen Bezugspunkt nicht nur in der jeweils geltenden Obrigkeit hatte, sondern auch in der Vorstellung eines deutschen »Volkes« und einer deutschen Identität.

»Der charakteristischste, wesentlichste Zug dieses großen, stolzen und besonderen Volkes bestand schon seit dem ersten Augenblick seines Auftretens in der geschichtlichen Welt darin, daß es sich niemals, weder in seiner Bestimmung noch in seinen Grundsätzen, mit der äußersten westlichen europäischen Welt hat vereinigen wollen, das heißt mit allen Erben der altrömischen Bestimmung.«

Fjodor M. Dostojewski

Trotz der Zurückweisung der These von einem deutschen »Urvolk« (Johann Gottlieb Fichte) bleibt deshalb die Tatsache, daß das seit dem Mittelalter als Deutschland bezeichnete Gebiet über einen sehr langen Zeitraum, im Grunde seit der Spätantike, ein und dieselbe Ethnie besiedelt hat, deren Vorfahren hauptsächlich als germanische Stammesangehörige gekommen waren. Ihnen assimilierten sich im Laufe der Zeit auch kleinere romanische und slawische Bevölkerungsteile.

Zur politischen Einheit wurde Deutschlands allerdings erst nach den Teilungen des Karlsreiches, die schließlich zur Entstehung eines unabhängigen nichtromanisierten Ostfranken führten. Es erlangte seit dem 10. Jahrhundert Eigenstaatlichkeit und stieg in kurzer Zeit zur ersten Macht des Abendlandes auf. Damit einher ging die Übernahme der Kaiserwürde und die Vorstellung, daß die Deutschen die römische Tradition fortsetzen müßten, ein Gedanke, der einerseits den Aufstieg des bald so genannten »Heiligen Römischen Reiches« förderte, andererseits zur dauerhaften Ablenkung der Kaiser von Kernaufgaben im Reich zugunsten von Nebenaufgaben in Italien führte, die allerdings aufgrund der christlichen Weltauffassung keineswegs als Nebenaufgaben erschienen.

Diese Entwicklung hat zu einem sukzessiven Machtverlust geführt, der in der staufischen Zeit begann, unter den Luxemburgern vorübergehend aufgefangen werden konnte, aber unter den Habsburgern nur noch durch Verlagerung der politischen Gewichte zugunsten der eigenen Dynastie zu kompensieren war. Die Beantwortung der seit dem Ende des Mittelalters immer drängenderen Deutschen Frage nach einer deutschen Nation und einem deutschen Kaiser konnte auf diesem Weg nicht gelingen. Dasselbe wird man auch in bezug auf Luthers Reformation sagen müssen, die in ihrem Ursprung auch eine nationale Intention hatte, aber wegen der Verschränkung mit dem prinzipiellen, universal-christlichen Anspruch aus ähnlichen Gründen scheiterte wie die Reichsidee.

Die Überspannung der Kräfte führte hier wie dort dazu, daß eine Verdichtung der nationalen Existenz qua politischer Organisation wie sie in Spanien, Frankreich, England, Schottland und den skandinavischen Reichen gelang, in Deutschland nicht zu erreichen war. In der Konsequenz wurde Deutschland vom Subjekt zum Objekt europäischer Politik. Schon der Dreißigjährige Krieg war weniger innerdeutscher Konfessionskampf als Austrag eines Konflikts zwischen den Großmächten der Zeit, die Deutschland als Schlachtfeld nutzten. Diese Situation entschärfte sich nach dem Westfälischen Frieden von 1648 zwar, führte aber vom 17. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts immer wieder dazu, daß das in sich zersplitterte Reich zum Spielball auswärtiger Interessen wurde, die geschickt die – konfessionellen wie dynastischen – Konflikte in Deutschland zu nutzen wußten.

Im Geistigen erwiesen sich Reichstradition und Reformation, extremer Föderalismus (Bund) und das Fehlen eines Zentrums allerdings nicht nur als Hypothek, sondern auch als Stimulans eines Sonderbewußtseins, das sich auf vielen Feldern – besonders deutlich erkennbar in Musik, Philosophie und Literatur – als fruchtbar erwies; Romantik und Idealismus waren nur später und besonders sinnfälliger Ausdruck dieser Eigenart. Die dann unter dem Eindruck der großen Nationalisierung, die Europa seit der Französischen Revolution erfaßt hat, zu dem Bedürfnis führte, das Deutsche nicht nur im Kulturellen oder »Volklichen« – »Völkischen«, sondern auch im Politischen neu zu bestimmen.

Selbstverständlich spielte dabei die Idee einer Synthese aus spezifischer Identität und allgemeinen Prinzipien politischer Organisation eine wichtige Rolle, aber zu ganz befriedigenden Lösungen kam man nicht. Auch und gerade nach der Schaffung des kleindeutschen Reiches gab es ein tief empfundenes Unbehagen, wegen des Ausschlusses von Deutsch-Österreich aus dem nationalen Verband und wegen des ungeklärten Problems, wie­viel spezifisch Deutsches in diesem Deutschland bleiben werde.

Diese Deutsche Frage konnte selbst in der Phase der Sekurität während des Wilhelminismus nur zurückgestellt, aber nicht überzeugend beantwortet werden. Ihre Virulenz zeigte sich aber erst unter den Bedingungen der Zwischenkriegszeit, als sich infolge einer traumatischen Niederlage und der Härte des Versailler Vertrages die Deutschen auf sich selbst zurückgeworfen sahen, verkeilt in der Mitte des Kontinents zwischen einem rachsüchtigen und zunehmend als fremd wahrgenommenen Westen und einem feindlichen Osten. Das katastrophale Scheitern des Ausbruchsversuchs hat diese Problematik nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch verschärft.

Allerdings haben die Deutschen unter dem außergewöhnlichen Druck ihrer Lage als »Die Besiegten von 1945« (Hans-Joachim Arndt) alle möglichen Auswege erprobt, um sich nicht mehr mit sich und das heißt mit Deutschland befassen zu müssen. Daß ihnen das nicht gelingen konnte, war spätestens mit dem Prozeß der Wiedervereinigung der Restterritorien deutlich. Was daraus für die Zukunft folgt, ist allerdings undeutlich, die »Endlösung der Deutschen Frage« (Robert Hepp) durch das physische Erlöschen des Volkes durchaus denkbar.

Literatur

  • Gerd-Klaus Kaltenbrunner (Hrsg.): Was ist deutsch? [1980], zuletzt Asendorf 1988
  • Paul Joachimsen: Vom deutschen Volk zum deutschen Staat [1916], zuletzt Göttingen 1967
  • Bernard Willms: Die Deutsche Nation. Theorie – Lage – Zukunft, Köln-Lövenich
  • Karlheinz Weißmann: Nation? Themen, Bd 1, Bad Vilbel 2001