Der Brand

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Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945,
Jörg Friedrich, Berlin: Propyläen 2002.

Der Brand war Jörg Friedrichs erster Bestseller. Er hatte auch mit seinen früheren Büchern Aufmerksamkeit erregt, aber kein Aufsehen. Das war bei Der Brand anders, weil die Deutschen, das »Tätervolk «, als Opfer erscheinen mußten, und einer das unmißverständlich zur Sprache brachte und doch nicht in das Bild paßte, das man sich gewöhnlich von einem Revisionisten machte.

»Über den Bombenkrieg ist viel geschrieben worden, seit langem aber nichts über seine Leideform.«

Der Brand präsentiert ein Szenario des Schreckens, zusammengesetzt – beinahe pointillistisch – aus einer Vielzahl von Details. Neben die Darstellung der Genese des totalen Luftkriegs tritt die Schilderung des militärischen Geschehens der »oberen Linie«, neben den Plänen der Techniker zur Vernichtung großer Teile der deutschen Zivilbevölkerung steht die Auseinandersetzung mit Fragen der praktischen Durchführbarkeit und die Unzahl von Schilderungen aus Opferperspektive. Auch dabei geht es Friedrich um ganz verschiedene Facetten, in denen sich die Wirklichkeit spiegelt: die kindliche Begeisterung für die »Tannenbäume« (Markierungen, die die Vorhut der Bomberflotten setzte), den bürokratischen Aufwand bei der Kontrolle der allfälligen Verdunkelung, die unwirkliche Idylle der Bunkergemeinschaft und jenen »Herrn Singer«, einen deutschen Juden, dem eigentlich der sichere Ort verwehrt war, den die Insassen aber doch gegen den Widerstand des »Luftschutzwarts« hereinnahmen, die Sorge um den Kölner Dom, der verschont bleibt, die Zerstörung von Goethes Geburtshaus in Frankfurt am Main, die Leichenstrecken und die Arbeit der »Identifizierungskommandos «, der erste Angriff auf Freiburg am Beginn und der Holocaust von Dresden am Ende.

Es hat bei den Lesungen aus Der Brand immer wieder Störversuche gegeben. Damit war zu rechnen. Was Friedrich als Autor stärker irritierte, war, daß auch in den durch Bombardements zerstörten Städten Angehörige der Erlebnisgeneration diese Art der Kriegführung als notwendig und moralisch legitim bejahten. Friedrichs Verstörung darüber ist auch eine über den Erfolg jener zweiten Umerziehung, der seine eigene, die APO-Generation, die Deutschen unterworfen hat. Friedrich gehörte zu den Protagonisten der Studentenbewegung und hat – was selten gesehen wird – einen weiten Weg zurückgelegt, von seiner ersten Beschäftigung mit der Entnazifizierung über das zentrale Werk, das er zum »Gesetz des Krieges« geschrieben hat, bis zur bislang letzten Veröffentlichung, die den Korea- Konflikt behandelt.

Es kann eigentlich gar nicht anders sein, als daß ihm bei der intensiven Beschäftigung mit der modernen Kriegsgeschichte – von der Französischen Revolution über den amerikanischen Bürgerkrieg, die beiden Weltkriege bis zu den Konflikten nach 1945 – aufgegangen ist, wie unredlich das dauernde Gerede über »Unvergleichbarkeiten« wirkt, sobald man sich tatsächlich die Mühe des Vergleichs macht.

Ausgabe

  • Spiegel-Edition, Bd. 35, Hamburg: Spiegel 2007.

Literatur

  • Karlheinz Weißmann: Autorenportrait Jörg Friedrich, in: Sezession (2008), Heft 23.
Der Artikel wurde von Karlheinz Weißmann verfaßt.