Der Archipel GULAG

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Der Archipel GULAG. 1918–1956. Versuch einer künstlerischen Bewältigung (russ. Archipelag GULAG, Paris 1973),
Alexander Solschenizyn, Bern/München: Scherz 1974.
Alexander Issajewitsch Solschenizyn (1974)

Als Batteriechef einer Artillerieeinheit hatte Solschenizyn am Zweiten Weltkrieg teilgenommen. Noch vor Kriegsende wurde er plötzlich von der Spionageabwehr verhaftet – man hatte Briefe von ihm abgefangen, in denen er Stalin kritisierte. Solschenizyn wurde zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. 1953, nach Haftentlassung, verbannte man ihn bis zum Lebensende in die Steppe Kasachstans. Unter Chruschtschow wurde er 1957 rehabilitiert.

Bereits im Jahr 1958 begann Solschenizyn mit seinen Aufzeichnungen zum Archipel GULAG. Nach der überraschend gestatteten Veröffentlichung des Kurzromans Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch (1962), der die Grausamkeiten des Lageralltags im GULAG schildert, meldeten sich viele ehemalige Lagerinsassen bei ihm, um ihre Erinnerungen mit dem Autor zu teilen und an ihn weiterzugeben. Ungefähr zehn Jahre später war das Manuskript abgeschlossen. Allerdings hielt Solschenizyn eine Veröffentlichung zurück, da er durch eine mögliche Verhaftung die Fertigstellung seines großen historischen Romanzyklus Das rote Rad nicht gefährden wollte, zumal er seit 1965 unter ständiger Beobachtung des KGB stand. 1970 erhielt Solschenizyn den Nobelpreis für Literatur, reiste aber nicht zur Verleihung, da er die Verweigerung der Wiedereinreise seitens der Sowjetunion befürchtete. Im August 1973 gelangte der KGB an das Manuskript zum Archipel GULAG, kurz darauf veröffentlichte ein russischer Emigrantenverlag in Paris den Text erstmalig. Anfang 1974 wurde Solschenizyn aus der Sowjetunion ausgewiesen.

Der Archipel GULAG ist sicher das wichtigste und bis dahin umfangreichste Werk eines Überlebenden zum sowjetischen Terror- und Lagersystem – eine Mischung aus literarischem Erfahrungsbericht sowie Stimmen- und Faktensammlung. »GULAG« ist ein Akronym für den Verwaltungsapparat (Glawnoe Uprawlenije LAGerei = Hauptverwaltung der Lager) der bereits ab 1918 eingerichteten Lager. Durch Solschenizyn wurde der Begriff zum Sinnbild des Terror- und Zwangsarbeitersystems der Sowjetunion, das sich mittels vieler tausender Inseln, einem Archipel gleich, über das Land erstreckte.

Anhand von Zeugenaussagen, Dokumenten und der eigenen Erfahrung schildert Solschenizyn den Weg der zumeist plötzlich Inhaftierten und Verurteilten durch die Knochenmühlen des sowjetischen Sicherheitsapparats. Er beschreibt die Verhöre, die Foltermethoden, die ständige Rechtsbrechung seitens des Systems, die Absurdität und Grausamkeit der zu erfüllenden Gefangenen- und Geständnisquoten sowie der grotesken Prozesse während der Stalin-Zeit, die Unmenschlichkeit der Lebensbedingungen in den Lagern und die todbringende Zwangsarbeit vor Ort; er nennt Namen von Opfern und Tätern – alles in einem zumeist zynischen bis schnoddrigen Ton, der den Verlust der Menschlichkeit innerhalb des Systems, bei Tätern als auch Opfern, bitter unterstreicht.

»Von der Bering-Straße bis fast zum Bosporus hin liegen die abertausend Inseln des verwunschenen Archipels verstreut. Unsichtbar sind sie, aber vorhanden, und ebenso unsichtbar, doch stetig müssen die unsichtbaren Sklaven befördert werden, jeder ein Leib, ein Volumen, ein Gewicht.«

Die Erstausgabe des Buches war in zwei Teile gegliedert, »Die Gefängnisindustrie« sowie »Ewige Bewegung«, in dem Solschenizyn die Häftlingsströme zur Besiedlung des »Archipels« beschreibt. 1975 und 1978 veröffentlichte er zwei weitere Bände mit den Teilen »Arbeit und Ausrottung«, »Seele und Stacheldraht«, »Die Katorga kommt wieder«, »In der Verbannung « sowie »Nach Stalin«. 1985 erschien eine gekürzte, einbändige Ausgabe.

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew bezeichnete den Archipel GULAG als »das unsterbliche Meisterwerk des ehemaligen sowjetischen Artillerie-Offiziers, der mit seinen literarischen Geschossen half, die Sowjetunion zu zerstören«. Der englische Autor Martin Amis meint gar, daß zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Archipel GULAG die Sowjetunion und Alexander Solschenizyn »dasselbe Gewicht« hatten. Im westlichen Europa wandten sich infolge des Buches viele Intellektuelle vom Kommunismus und den entsprechenden Parteien und Gruppierungen ab; diese wurden zum Teil dauerhaft geschwächt. Zudem versuchte man nun mittels des sogenannten Eurokommunismus, dieser Ideologie eine humanere Färbung zu geben und sich kritisch von der Sowjetunion abzugrenzen. Anderthalb Jahrzehnte nach Erstveröffentlichung des Archipel GULAG brach das System in Europa endgültig zusammen.

Ausgabe

  • Vom Verfasser autorisierte, überarbeitete und gekürzte Ausgabe in einem Band, Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch 2008.

Literatur

  • Jewgenia Ginsburg: Marschroute eines Lebens, München 1999.
  • Warlam Schalamow: Erzählungen aus Kolyma 1–3, Berlin 2008–2010.
Der Artikel wurde von Wiggo Mann verfaßt.