Das Schwarzbuch des Kommunismus

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Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror (frz. Le livre noir du communisme, Paris 1997),
Stéphane Courtois u. a., München: Piper 1998.

Mitte der neunziger Jahre erschienen in Frankreich zwei politische Bücher mit außerordentlicher Wirkung: François Furets Das Ende der Illusion (1995) und das von Stéphane Courtois herausgegebene Schwarzbuch des Kommunismus (1997). Beiden gemeinsam war nicht nur das Thema – die Abrechnung mit dem Kommunismus –, sondern auch die kritische Bilanzierung jener linken Tendenz, das sowjetische System zu verharmlosen, schönzureden, mit irgendwelchen Argumenten zu rechtfertigen. Furet wie Courtois waren früher an dieser Apologie aktiv beteiligt gewesen, der eine als Mitglied der alten, der andere als Mitglied der neuen Linken. Beide waren sich ihrer Schuld bewußt und auch der bleibenden Schäden, die das historische Bewußtsein dadurch erlitten hatte, daß es der westlichen Intelligenzija über Jahrzehnte gelungen war, den Kommunismus in einem freundlichen Licht erscheinen zu lassen – als Menschheitstraum, der trotz aller bekannt gewordenen Massenverbrechen irgendwie seine Berechtigung aus der allgemeinen Sehnsucht nach einem Leben in paradiesischen Zuständen zog.

»Lenin und seine Nachfolger schlossen den Kapitalisten, den Bourgeois, den Konterrevolutionär usw. eindeutig von der Menschheit aus. Die aus dem soziologischen oder politischen Diskurs geläufigen Begriffe nahmen sie auf und machten daraus absolute Feindbilder. Wie Kautsky 1918 sagte, handelt es sich dabei um kautschukartig dehnbare Begriffe, die dazu berechtigen, aus der Menschheit auszugrenzen, wen, wann und wie man will, und die direkt zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit führen.«

Während Das Ende der Illusion eine historische Aufarbeitung lieferte, war das Schwarzbuch von Anfang an als Generalabrechnung gedacht: eine Bilanz des roten Terrors über acht Jahrzehnte hinweg, von der Oktoberrevolution bis zum Untergang der UdSSR, von den Massakern, die auf Lenins Befehl durchgeführt, und den KZs, die auf seinen Befehl gebaut worden waren, bis zu den Nachahmern, die er in den Ländern der »Dritten Welt« fand, von der staatlich organisierten Unterdrückung im Ostblock bis zu den Säuberungen, die die »Bruderparteien« im Untergrund durchführten. Für Courtois und seine Mitarbeiter gab es weder einen qualitativen Unterschied zwischen dem chaotischen Morden der Bürgerkriegsphase und den Liquidierungsbefehlen Stalins, noch einen zwischen den Tötungen, die als Preis der Modernisierungsmaßnahmen betrachtet wurden, und denen, die im Rahmen von Kampfhandlungen geschahen. Immer ging es darum, daß im Namen einer Ideologie, die sich ausdrücklich als höchste Stufe des »Humanismus« empfahl, eine historisch beispiellose Zahl von Opfern fiel. Nicht die »Reaktion« und auch nicht nur der »Faschismus« haben Hekatomben gefordert, sondern eine Weltanschauung und ein Regime, das behauptete, im Namen des Fortschritts und der Menschheit zu agieren.

Angesichts der ideologischen Machtverteilung in den westlichen Ländern war nicht überraschend, daß das Schwarzbuch bei Erscheinen massiven Anfeindungen ausgesetzt war. Von seinen ehemaligen Genossen wurde Courtois selbstverständlich als Renegat und Verräter betrachtet, aber auch im juste milieu gab es viele, die ihn verdächtigten, jenen Thesen Vorschub zu leisten, die seit dem »Historikerstreit « die Schrecken des Nationalsozialismus aus dem Schrecken des Bolschewismus ableiteten. Es war ausdrücklich die Rede von einem »französischen Historikerstreit«. Angesichts dessen kann nicht überraschen, daß die Abwehrversuche in Deutschland noch heftiger ausfielen. Der Fairness halber sei aber auch erwähnt, daß es einige Anzeichen für linke Scham ob der »Immunisierungsversuche« (Christian Semler) gab und aus dem bürgerlichen Lager den Willen, den Gesamtvorgang beim richtigen Namen zu nennen: »roter Holocaust«.

Ausgabe

  • Einmalige Sonderausgabe, München: Piper 2004.

Literatur

  • Horst Möller (Hrsg.): Der rote Holocaust und die Deutschen. Die Debatte um das »Schwarzbuch des Kommunismus«, München 1999.
Der Artikel wurde von Karlheinz Weißmann verfaßt.