Über die Demokratie in Amerika

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Über die Demokratie in Amerika (frz. De la démocratie en Amérique, Paris 1835 u. 1840).
Alexis de Tocqueville, 2 Bde., Stuttgart: DVA 1959 u. 1962.

Alexis de Tocqueville wurde 1827 zum Untersuchungsrichter in Versailles berufen. Vier Jahre später reiste er im Auftrag der französischen Regierung zusammen mit seinem Freund Gustave de Beaumont in die USA, um sich mit dem amerikanischen Strafvollzugswesen vertraut zu machen. Tocqueville nutzte die neun Monate, die er dort verbrachte, um sich intensiv mit den politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in dem jungen Land zu beschäftigen und die Grundlagen der Demokratie unter die Lupe zu nehmen. Nach Frankreich zurückgekehrt, verfaßte er das Buch, das zum Grundlagentext seines politischen Denkens werden und ihm sehr schnell Weltruhm einbringen sollte. Der erste Band bietet eine deskriptive Analyse der demokratischen Institutionen in den USA und ihrer Funktionsweise. Im zweiten Band weitet Tocqueville seine Überlegungen aus und untersucht den Einfluß der Demokratie auf die Sitten und Bräuche, auf das Weltbild und das Geistesleben einer Gesellschaft.

Der Liberalkonservative Alexis de Tocqueville blieb innerlich dem Ancien régime verhaftet, der Realist Alexis de Tocqueville aber hegte keinerlei Sehnsucht nach einer Restauration. Ihm ging es vielmehr darum, die neuen Entwicklungen seiner Zeit im Detail zu analysieren. Die wichtigste unter diesen Veränderungen war das Streben nach Chancengleichheit, das mit der Demokratie im politischen Sinn einhergeht. Tocqueville hatte begriffen, daß diese Entwicklung unumkehrbar war, und in der Ausbreitung der Demokratie sah er das unabänderliche Schicksal der anbrechenden Ära.

Als Kennzeichen der Neuzeit identifizierte er die Abschaffung individueller Privilegien, die rechtliche Gleichstellung, die Ablösung des Statuts durch den Vertrag und die Vereinheitlichung der Bedingungen – alles Züge, die er bereits unter dem Ancien régime beobachtete. Tocqueville zeigt die Grenzen der damit verknüpften Hoffnungen auf: Gleiche Voraussetzungen beseitigten keineswegs wirtschaftliche Ungleichheiten, zumal die Menschen von Natur aus ungleich bleiben, aber sie beförderten im kollektiven Bewußtsein die Entstehung eines neuartigen »Imaginären«, welches sich als enorm folgenreich erweisen sollte. In der Gesellschaft der Neuzeit, die die Gleichheit als Idealnorm postuliert, nehmen die Menschen ihr Los nicht mehr aufgrund ihrer familiären Herkunft oder ihrer gesellschaftlichen Stellung hin. Insofern ist das Gleichheitsstreben untrennbar mit der neuen gesellschaftlichen Dynamik verbunden: Die soziale Mobilität nach oben oder unten wird zur Regel, die Bande gegenseitiger Abhängigkeit der einzelnen untereinander reißen. Hinzu kommt, daß sich in der demokratischen Gesellschaft die kulturellen Merkmale der verschiedenen Klassen zugunsten eines allen gemeinsamen Wunsches nach materiellem Wohlstand verwischen.

»Ich sehe eine unzählbare Menge von gleichberechtigten, einander zum Verwechseln ähnelnden Menschen, die sich ruhelos um sich selber drehen, um sich kleine vulgäre Freuden zu verschaffen, mit denen sie ihre Seele füllen ... Ich lasse meinen Blick über jene unzählbare Menge schweifen, die aus gleichen Wesen besteht, wo nichts höher oder niedriger ist als alles andere. Der Anblick dieser universellen Uniformität macht mich traurig und läßt mich frösteln, und ich bin versucht, der Gesellschaft hinterherzutrauern, die einmal war.«

Der homo democraticus wird also von zwei Leidenschaften beherrscht: der Sehnsucht nach Gleichheit und nach Wohlstand. Tocqueville hält dieses doppelte Begehren durchaus für legitim, aber er weiß um die damit verbundenen Risiken. Insbesondere ist er sich der Schwierigkeit bewußt, den Wunsch nach Freiheit mit dem Willen zur Gleichheit zu vereinbaren. Weiterhin sieht er den Widerspruch, der in der egalitären Leidenschaft liegt; daß der Mensch der Neuzeit nämlich will, daß alle gleich, er selber aber besonders ist. Schließlich glaubt er, daß das Primat des Wunsches nach Gleichheit und Sicherheit die einzelnen zum Verzicht auf ihre Freiheit verleiten könnte. Eben darin liegt seiner Ansicht nach die größte Gefahr der neuzeitlichen Gesellschaften. Tocqueville spricht von einem »perversen Geschmack an der Gleichheit, der dazu führt, daß die Schwachen die Starken auf ihr Niveau hinunterziehen wollen, und die Menschen darauf reduziert, die Gleichheit in Knechtschaft der Ungleichheit in Freiheit vorzuziehen «.

Tocqueville kritisiert die »Tyrannei der Mehrheit«, vor allem aber die Auswirkungen der Meinungstyrannei. Die Gesellschaft der Neuzeit, erklärt er, erzeugt unweigerlich eine Konformität der Meinungen, indem sie das Mittelmaß zur gesellschaftlichen Norm mache. In Amerika sei diese Entwicklung bereits im Gang und habe zu einem Mangel an geistiger Unabhängigkeit und kritischem Denken geführt. Unter derartigen Umständen, befürchtet Tocqueville, wollen die Menschen früher oder später ihre Rolle als Bürger nicht mehr wahrnehmen.

Tocqueville, der selber aus der Normandie stammte, lehnte den zentralistischen Jakobinismus entschieden ab und sah das politische Heil statt dessen in den corps intermédiaires. An den USA schätzte er die Rolle, die Gemeinschaften verschiedenster Art dort im öffentlichen Leben spielten, sowie das verbreitete Mißtrauen gegen den Staat. Von diesen Beobachtungen inspiriert, setzte er auf die wachsende Bedeutung von Vereinen, Berufsverbänden und anderen Zusammenschlüssen. In seinem Buch, das sei nur nebenbei bemerkt, sagt er die Entstehung von zwei Supermächten – Rußland und den USA – voraus, die eines Tages die Welt zwischen sich aufteilen könnten.

Nirgends ist Tocqueville so viel gelesen worden wie in den USA. Sein Buch war dort von Anfang an ungeheuer populär und wurde – in zahlreichen unterschiedlichen Ausgaben und Übersetzungen – schnell zum Standardwerk der Politikwissenschaft; dies trotz der scharfsinnigen Kritik, die Tocqueville an den amerikanischen Verhältnissen äußert. In Deutschland fand es sehr bald prominente Leser, darunter Georg Simmel, Jacob Burckhardt, Ferdinand Tönnies, Max Weber oder Wilhelm Dilthey. Umfangreiche Auszüge daraus wurden bereits 1836 veröffentlicht; die erste vollständige Übersetzung aber entstand erst 1959 und wurde von Jacob Peter Mayer, Theodor Eschenburg und Hans Zbinden besorgt.

Ausgabe

  • Taschenbuch, aus dem Französischen übertragen von Hans Zbinden, München: dtv 1984.

Literatur

  • Raymond Boudon: Tocqueville aujourd’hui, Paris 2005.
  • Arnaud Coutant: Tocqueville et la constitution démocratique, Paris 2008.
  • Pierre Manent: Tocqueville et la nature de la démocratie, Paris 1993.
Der Artikel wurde von Alain de Benoist verfaßt.