Die Ursprünge der totalitären Demokratie

Aus Staatspolitisches Handbuch im Netz
Wechseln zu: Navigation, Suche
Die Ursprünge der totalitären Demokratie (engl. The Origins of Totalitarian Democracy, London 1952).
Jacob Talmon, Köln/Opladen: Westdeutscher Verlag 1961.

Der Begriff »totalitäre Demokratie« klingt für die meisten ungewohnt, gewohnt sind wir die Unterscheidung von »Totalitarismus« und »Demokratie« im Sinne eines Gegensatzes. Die Analyse des israelischen Historikers Talmon hebt allerdings auf einen früh von konservativen wie liberalen Denkern erkannten Unterschied zwischen Demokratie und Freiheit ab und darauf, daß zwar die angelsächsischen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts im Namen des Volkes auftraten und Freiheit erkämpften, die französische aber im Namen des Volkes eine Tyrannis errichtete, die nicht einfach als Fehlentwicklung betrachtet werden kann, sondern als logische Konsequenz einer bestimmten Auffassung von Demokratie zu sehen ist. Den elitären Systemen Englands und Nordamerikas, die auf der Selbstbestimmung des Individuums und dessen Schutz durch staatliche Machtbeschränkung mit Hilfe von checks and balances fußten, stand ein Entwurf identitärer Demokratie gegenüber, die Abweichung als Verrat betrachtete und entsprechend unterdrückte, um die Homogenität des Volkes notfalls mit Hilfe von Zwang und Indoktrination aufrechtzuerhalten.

»Von uns aus gesehen – von einem Beobachtungspunkt in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts – erscheint in der Tat die Geschichte der letzten hundertfünfzig Jahre als die systematische Vorbereitung auf den schroffen Zusammenprall zwischen empirischer und liberaler Demokratie einerseits und totalitärer messianischer Demokratie andererseits – und das ist die Weltkrise von heute.«

Dieses Konzept fußte vor allem auf Ideen Rousseaus, dem zufolge nicht der »Wille aller«, sondern der »Gemeinwille« für die Ordnung des Staates maßgeblich sein sollte. Robespierre war Rousseaus gelehriger Schüler und setzte während der Phase des jakobinischen Terrors in die Praxis um, was bis dahin nur Theorie gewesen war. Zwar konnte sich sein Regime nur für kurze Zeit halten, aber es diente den Anhängern der »totalitären Demokratie« als Modell, das sie in immer neuen Anläufen zu verwirklichen trachteten. Talmon weist in seiner Darstellung nach, daß sich fast alle Versuche zur vollständigen Integration der Massengesellschaft im 19. Jahrhundert auf die Verfahren der »totalitären Demokratie« rückbezogen, daß es zwar Mäßigungsversuche gab – etwa in Gestalt des Bonapartismus –, aber im 20. Jahrhundert mit Kommunismus und Nationalsozialismus Bewegungen entstanden, die die Realisierung mittels Radikalisierung umsetzen wollten.

Deshalb betont Talmon entgegen der üblichen Auffassung, daß der Erfolg der großen Totalitarismen nicht infolge ihres undemokratischen, sondern ihres demokratischen Charakters zustande gekommen sei. Sie appellierten erfolgreich an den »kleinen Mann«, seine Einsatz- und Einordnungsbereitschaft, seinen Sinn für Gleichheit einerseits, Hierarchie andererseits, und an seine Sehnsucht nach dem »großen Mann«, der die Krise, welcher die Massengesellschaft ihre Entstehung verdankte, abzuschneiden oder in eine neue Epoche zu überführen vermochte.

Literatur

  • Hans Otto Seitschek: Politischer Messianismus. Totalitarismuskritik und Geschichtsschreibung im Anschluß an Jacob Leib Talmon, Paderborn 2005.
  • Jacob Talmon: Politischer Messianismus. Die romantische Phase, Köln/Opladen 1963.
Der Artikel wurde von Karlheinz Weißmann verfaßt.