Reich

Aus Staatspolitisches Handbuch im Netz
Wechseln zu: Navigation, Suche

Reich bedeutet seiner germanischen Wurzel nach soviel wie Reichtum, Macht, Herrlichkeit; es besteht sicher eine Verbindung zu Parallelbegriffen in anderen indogermanischen Sprachen, etwa dem keltischen rîg oder dem lateinischen regnum, das wiederum auf rex für »König« verweist. Unserem heutigen Wort liegt das mittelhochdeutsche riche zugrunde, das nur in Deutschland analog zu regnum wie imperium gebraucht wurde, während der Terminus im Englischen oder Französischen allmählich seine besondere Ladung verlor und einfach nur noch den Besitz von materiellem Reichtum bedeutete.

»Unter Reichsidee ist die Idee des Weltreichs zu verstehen, also die Idee, daß die bekannte Welt, die gesittete Menschheit, eine oberste, politische Autorität hat: die Idee einer überstaatlichen, universalen politischen Autorität ist gemeint.«

Karl Fürst Schwarzenberg

Dieser begrifflichen Sonderentwicklung entsprach eine politische, insofern die Deutschen zum »Reichsvolk« par excellence wurden. Der größte Teil ihrer Geschichte zwischen dem 9. und dem 19. Jahrhundert war geprägt von der Vorstellung, zum Träger des Reichsgedankens berufen zu sein. Diese Idee hatte einen doppelten Ursprung: den Aufstieg zuerst des fränkischen, dann des ostfränkischen beziehungsweise deutschen Königs zum mächtigsten Fürsten Europas, der deshalb vom Papst zum Schutzherrn der Kirche ernannt und zum Kaiser (Monarchie) gekrönt wurde, und die Vorstellung von der translatio imperii, das heißt der Übertragung der römischen Reichstradition.

Diese Übernahme des Reichs – so tief entsprechende Vorstellungen in der Mentalität des Mittelalters verankert waren – brachte letztlich unlösbare Probleme mit sich. Zuerst verfiel die faktische Macht des Reichs rapide seit dem 12. Jahrhundert, was auch auf die Infragestellung der Sakralität des Kaisertums durch die Kirche zurückzuführen war, aber in erster Linie mit dem Aufstieg der mittelalterlichen Nationalstaaten zu tun hatte. Trotzdem versuchten die Kaiser an ihrem besonderen Rang festzuhalten, was sie zu immensen Anstrengungen zwang, die im eigentlich politischen Sinn schädlich waren.

Auch scheiterten die seit dem 15. Jahrhundert unternommenen Versuche zu einer großen Reichsreform ausnahmslos, ähnliches gilt für alle Bemühungen, das Reich stärker als ein »deutsches Reich« zu fassen und den übernationalen Charakter – das Reich umfaßte immer neben germanischen auch romanische und slawische Gebiete – zu beschneiden. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges war das Reich nur noch ein Schatten seiner selbst, die regierende Dynastie der Habsburger konzentrierte sich im wesentlichen auf ihre Hausmacht, und angesichts des Aufstiegs des napoleonischen Imperiums fiel auch der Rest an Zusammenhalt dahin, 1806 legte der letzte Kaiser des »Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation« seine Krone nieder.

»Was war nach dem allem das alte Reich? Offenbar ein Wesen eigener Art, unter keine Kategorie zu bringen. Bald erscheint es nur wie der die spontanen Bildungen umfassende Rahmen, bald wie ein Staat mit durchgreifenden Gewalten, bald wie ein Staatensystem und Völkerbund mit bloß vertragsmäßigen Einrichtungen. So war das alte Reich: der Schultheorie ein Rätsel wie ein Ärgernis, aber gleichwohl eine Tatsache und sogar etwas Größeres und Tiefsinnigeres als ein schulgerechter Staat.«

Constantin Frantz

Obwohl die Kritik an der Realität des Reichs seit der Barockzeit an Schärfe zugenommen hatte, behielt der Begriff nach dem Untergang seinen Nimbus, was erklärt, warum auch das »Zweite Reich«, also der von Bismarck gegründete kleindeutsche Nationalstaat, an der Bezeichnung festhielt, ebenso wie die Weimarer Republik und das NS-Regime, und warum sich in der Nationalbewegung die Vorstellung festsetzte, daß das Reich ein deutsches Erbe sei, eine Besonderheit, der man nur gerecht werden könne, wenn man die innere Vielgestaltigkeit und föderale (Bund) Zuordnung bewahre, jedenfalls nicht dem westlichen Vorbild des Zentralismus folge. Teilweise waren solche Ideen mit großdeutschen Plänen verknüpft, deren Verwirklichung allerdings in mehreren Anläufen scheiterte.

Entsprechende Vorstellungen ver­schwan­den aber nie ganz und erlebten nach dem Zusammenbruch des Bismarckstaats im Ersten Weltkrieg eine bemerkenswerte Renaissance. Dabei spielte nicht nur politische Romantik mit, sondern auch das Konzept, den deutschen Wiederaufstieg mit konkreten Plänen von der »bündischen« Reorganisation des mitteleuropäischen Raums zu verknüpfen. Ein solches »Reich« sollte ausdrücklich von jedem Imperialismus frei sein. Eine Auffassung, die man naiv nennen mag, die jedenfalls der Nationalsozialismus nicht teilte, der sich den Begriff des Reichs als Staatsbezeichnung aneignete und mit der Vorstellung verknüpfte, das britische Modell eines Imperiums zu kopieren.

Das hat den Reichsbegriff diskreditiert, wenngleich er doch bis zum Ende der vierziger Jahre als so unbelastet galt, daß von den Sozialdemokraten bis zu den Konservativen angenommen wurde, ein zukünftiger deutscher Gesamtstaat werde selbstverständlich »Deutsches Reich« heißen.

Literatur

  • Alois Dempf: Sacrum Imperium. Geschichts- und Staatsphilosophie des Mittelalters und der politischen Renaissance [1929], zuletzt München 1973.
  • Paul Joachimsen: Der deutsche Staatsgedanke von seinen Anfängen bis auf Leibniz und Friedrich den Großen [1921], zuletzt Darmstadt 1976
  • Jean Neurohr: Der Mythos vom Dritten Reich, Stuttgart 1957.
  • Karl Fürst Schwarzenberg: Adler und Drache. Der Weltherrschaftsgedanke, Wien 1951.
  • Christoph von Thienen-Adlerflycht: Reich, in: Caspar von Schrenck-Notzing (Hrsg.): Lexikon des Konservatismus, Graz 1996, S. 446-453.