Dekadenz

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»An orgy in Imperial Rome« von Henryk Siemiradzki, 1872

Dekadenz wird abgeleitet von dem französischen Wort décadence, das wiederum auf das lateinische decadere – »hinabsteigen« – zurückzuführen ist. Der Begriff findet sich seit dem 16. Jahrhundert als Bezeichnung für den Verfall sozialer Systeme, vor allem von Staaten und Kulturen. Abgesehen werden kann in diesem Zusammenhang von dem Versuch einer positiven Umdeutung, wie sie zuerst Charles Baudelaire unternahm.

Dekadenz ist selbstverständlich schon vor dem Aufkommen des Begriffs beobachtet und analysiert worden. Oft galt eine überlange Zeit des Friedens und des Wohllebens als Auslöser. Aber die Betrachtungen standen fast immer unter einem ausschließlich moralischen oder religiösen Aspekt. Erst eine säkularisierte Geschichtsbetrachtung konnte die Dekadenz als solche werten und eine umfassendere Deutung entwickeln.

Im wesentlichen lassen sich drei Erklärungen für Dekadenz unterscheiden:

  1. Das Entropiemodell; es besagt, daß alle menschlichen Gemeinschaften und ihre Hervorbringungen genau wie organische Wesen einer Alterung und einem allmählichen Energieverlust unterworfen sind. Entsprechende Äußerungen finden sich schon in der Bibel, der antiken Weisheitsliteratur und Philosophie, aber auch in den Urkunden vieler außereuropäischer Religionen. Dekadenz ist diesem Verständnis nach ein allmählicher und unaufhaltsamer »Wärmetod«. Im 19. Jahrhundert sind entsprechende Ideen vor allem von Carl Vollgraff oder Joseph Arthur de Gobineau vertreten worden, im 20. Jahrhundert von Ludwig Klages oder Julius Evola.
  2. Das Modell des Zyklus ist davon insofern zu unterscheiden, als entsprechende Geschichtsdeutungen zwar auch auf die Natur Bezug nehmen, aber nur in einem symbolischen Sinn. Bekannt sind Spekulationen der indischen Mythologie über die vier verschiedenen »Yugas« oder orientalische beziehungsweise antike Überlegungen zur Abfolge eines Goldenen, Silbernen, Bronzenen und Ehernen Zeitalters. Immer wird eine Katastrophe angenommen, die als Reinigung die Voraussetzung für einen Neubeginn des Zyklus bildet. Innerhalb der großen, Epochen abgrenzenden Zyklen gibt es auch noch kleinere, wie die der Verfassungsordnungen (etwa: von der Monarchie über die Aristokratie zur Demokratie zur Anarchie, dann zur Despotie, die wiederum die Erneuerung der Monarchie vorbereitet). Die einflußreichsten und am stärksten ausgearbeiteten zyklischen Theorien der Neuzeit stammen von Oswald Spengler und Arnold J. Toynbee.
  3. Bleibt schließlich die Annahme eines dauernden Alternierens von Verfall und Regeneration als Erklärung von Dekadenz. Sie erscheint dabei als Verlust von Spannkraft, die weder ganz zwangsläufig eintritt (wie unter 1.), noch als regelhafter Vorgang beschrieben werden kann (wie unter 2.). In diesem Fall spielt Willensschwäche eine entscheidende Rolle: »Die Dekadenz beginnt, wenn die Menschen nicht mehr fragen: Was werden wir tun? Sondern: Was wird uns geschehen?« (Denis de Rougemont) Es wurzeln hierin die Sorge vor einem Zuviel an Zivilisiertheit und eine Sehnsucht nach der Ursprungslage, wie sie schon in den Geschichtsphilosophien Giambattista Vicos oder Johann Gottfried Herders zu beobachten war.

Die These von der Dekadenz – vor allem der gegenwärtigen Kultur – erscheint in vieler Hinsicht als konservatives Gegenkonzept zum Fortschrittsglauben der Linken und Liberalen. Dabei wird allerdings übersehen, daß der Begriff Dekadenz auch der sozialistischen Theorie bekannt war und von Proudhon wie von Marx und in einem gewissen Sinn auch von Lenin benutzt wurde, um den ökonomischen wie moralischen Verfallsprozeß der bürgerlichen Klasse zu bezeichnen. Allerdings ist zutreffend, daß die konservative Weltanschauung aufgrund ihrer skeptischen Haupttendenz dazu neigt, eher einen Ab- als einen Aufstieg anzunehmen.

»Der Schwund aller starken Gefühle und Affekte durch Verweichlichung, Fortschreiten von Technologie und Pharmakologie fördern eine zunehmende Intoleranz gegen alles im geringsten Unlust Erregende. Damit schwindet die Fähigkeit der Menschen, jene Freude zu erleben, die nur durch herbe Anstrengung beim Überwinden von Hindernissen gewonnen werden kann. Der naturgewollte Wogengang der Kontraste von Neid und Freude verebbt in unmerklichen Oszillationen namenloser Langeweile.«

Konrad Lorenz

Man darf diese Neigung aber nicht mit Fatalismus verwechseln. Es gibt zwar am äußersten Punkt konservativer Dekadenzanalyse die Fixierung auf die »große Parallele« (Carl Schmitt), den Untergang Roms, und sogar ein Hoffen auf die erneuernde Kraft des Barbarentums, aber in erster Linie doch den Wunsch, daß ein ricorso möglich sein werde, das heißt eine Regeneration.

»… auch muß ich selbst sagen, halt’ ich es für wahr, daß die Humanität endlich siegen wird, nur fürcht’ ich, daß zu gleicher Zeit die Welt ein großes Hospital und einer des anderen humanitärer Krankenwärter sein werde.«

Johann Wolfgang von Goethe

Literatur

  • Emile Cioran: Lehre vom Zerfall [1949/1953], zuletzt Stuttgart 1998
  • Wolfgang Drost (Hrsg.): Fortschrittsglaube und Dekadenzbewußtsein im Europa des 19. Jahrhunderts, Heidelberg 1986
  • Julien Freund: Über die Dekadenz, in: Criticón 3 (1975) 31, S. 205-212
  • Thomas Molnar: Was ist Dekadenz?, in: Zeitschrift für Politik NF 23 (1976) 4, S. 313-327
  • Karlheinz Weißmann: Was ist Dekadenz?, Bad Vilbel 2000