Anarchie

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Anarchie ist abzuleiten vom altgriechi­schen anarchia, was soviel wie »Herrschaftslosigkeit« bedeutet, für die Antike ein Zustand gleichbedeutend mit »Anomie« und Barbarei. Entsprechende Vorstellungen haben sich bis heute erhalten und führen regelmäßig zur Identifikation von Anarchie und Chaos, Gesetz- und Kulturlosigkeit.

»Man kann das Denken aller anarchistischen ­Autoren prüfen und wird immer denselben Haß auf die Zivilisation wiederfinden, soweit es die Herrschaft des Zwangs wie die Disziplin betrifft, geeignet den Menschen zur Arbeit anzuhalten, auf dafl er einem anderen Hang folgt als dem der Natur.«

Edouard Berth

In bewußter Entgegensetzung kam die positive Umwertung des Begriffs seit dem Ende des 18. Jahrhunderts auf; Kant definierte Anarchie entsprechend als »Gesetz und Freiheit ohne Gewalt«. Mit der Französischen Revolution wurde »Anarchist« zur Bezeichnung derjenigen, die unter Freiheit ein umfassendes Recht auf Selbstbestimmung verstanden und die Erwartung hegten, daß sich absolute Freiheit entweder in ­einem gesellschaftlichen Endzustand oder durch praktische Maßnahmen (Bildung von Kommunen und Föderationen) schon hier und jetzt verwirklichen lasse.

Ursprünglich bildete der Anarchismus einen integralen Bestandteil der linken Gesamtbewegung; aber nach dem Scheitern der Pariser Kommune (1871) spalteten sich die anarchistischen von den sozialistischen und kommunistischen Gruppen ab. Ver­suche eine stärkere anarchistische Internationale zu organisieren blieben aus naheliegenden Gründen erfolglos; anarchistische Gruppen waren immer nur vorübergehend (etwa in den USA) und nur in wenigen Ländern (Schweiz, Spanien, Ukraine, einige Staaten Lateinamerikas) einflußreich.

Da die Anarchie den äußersten linken Flügel bildete, war ihr die Gegnerschaft der politischen Rechten sicher. Die prinzipielle Infragestellung jeder Autorität machte sie zum Feind all dessen, wofür der klassische Konservatismus stand. Die terroristische Praxis der Anarchisten im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts (»Propaganda der Tat«) und deren Zusammenarbeit mit Kriminellen taten ein übriges und förderten außerdem den Verdacht gegen Liberale, Sozialisten oder Sozialdemokraten, daß sie faktisch dem Anarchismus vorarbeiteten. Dieselbe Frontstellung wiederholte sich beim Auftreten des Neo-Anarchismus im Zusammenhang mit der Studentenbewegung und dem Aufkommen terroristischer Banden am Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

»Uns bleibt nur die Wahl zwischen zwei Haltungen: wir können uns entweder für die Aristokratie oder die Anarchie entscheiden. Beide nämlich verabscheuen die gleichmacherische Kacke.«

Lucien Rebatet

Die negative Beurteilung erklärt hinreichend, warum erst relativ spät die Idee eines »konservativen« oder eines »Anarchismus von rechts« entstehen konnte. Vorläufer dieser Tendenz darf man aber schon im aristokratischen Widerstand gegen das absolute Königtum sehen, im Auftreten der libertins, die »wie die Götter« leben wollten, oder in der Haltung der Dandys, soweit sie ausdrücklich einen elitären Stil kultivierten. Selbstverständlich spielten zuletzt noch Nietzsches Kritik des Staates und seine Lehre vom Übermenschen eine Rolle.

Eine konkretere Ausformung erlebte der »Anarchismus von rechts« aber erst im 20. Jahrhundert. Angesichts des Zerfalls der alteuropäischen Ordnung mit dem Ersten Weltkrieg wurde die Situation von einigen Protagonisten der Rechten als so verzweifelt wahrgenommen, daß jedes Wiederanknüpfen an die Tradition aussichtslos erschien. Das erklärt die Versuche mancher, eine neue Welt ohne Rücksicht auf Bedingungen zu schaffen (Gabriele D’Annunzio, T. E. Lawrence, Baron Ungern-Sternberg) oder den Rückzug aus ­einer zerfallenden Welt auf die Position des Solitärs zu verlangen (Julius Evola, Georges Bernanos). Daneben gab es eine Literatur, die Pessimismus und Existentialismus zu einer Grundhaltung verknüpfte, die vor allem durch Verachtung der Konvention und der Massen auffiel und ein Recht auf politische Durchsetzung für die berufenen Einzelnen forderte (Henry de Montherlant, ­Louis-Ferdinand Céline).

Ernst Jüngers Rede vom »preußischen Anarchisten«, der, »nur bewaffnet mit dem Imperativ des Herzens, die Welt nach neuen Ordnungen durchstreift« war dagegen schon ein Versuch, nicht nur die tatsächlichen Gemeinsamkeiten zwischen dem Anarchisten und dem Konservativen herauszustellen – in dem Bemühen, auf den Ursprung der Dinge zurückzugehen –, sondern auch ein Konzept zu entwickeln, das beide Möglichkeiten offenhält: die Existenz als einzelner in unausweichlichem Zerfall oder den Versuch, nach dem Gang durch die Katastrophe Mittel für den Wiederbeginn zur Verfügung zu halten. Jünger hat die Überlegungen zu einem preußischen Anarchismus später mit den Gestalten des »Waldgängers«, dann des »Anarchen« weitergebildet.

Literatur

  • Günter Bartsch: Der internationale Anarchismus, Hannover 1972.
  • Ernst Jünger: Das abenteuerliche Herz [Erste Fassung], Berlin 1929, zuletzt Stuttgart 2000;
  • Otto Mann: Dandyismus als konservative Lebensform, in Gerd-Klaus Kaltenbrunner (Hrsg.): Konservatismus international, Stuttgart-Degerloch 1973, S. 156–171.
  • François Richard: Les anarchistes de droite, Paris 1991.
  • Hans-Peter Schwarz: Der konservative Anarchist. Politik und Zeitkritik Ernst Jüngers, Freiburg i. Br. 1962.
  • Karlheinz Weißmann: Anarchismus von rechts, in ders.: Alles, was recht(s) ist, Graz und Stuttgart 2000, S. 125–134.